Viel wird in den letzten Wochen diskutiert und gefordert, um die Wirtschaft nach der Pandemie wieder auf die Beine zu stellen. Eine andere gesellschaftliche Ausrichtung sei möglich, heißt es vielerorts. Gleichzeitig fordern die Anhänger des Sozialdarwinismus, wie etwa die deutsche FDP, weitreichende Entgrenzungen, etwa bei den Öffnungszeiten des Einzelhandels oder bei der maximal zulässigen Wochenarbeitszeit. Derlei Ideen treffen auch hierzulande keineswegs auf taube Ohren. Die Gewerkschaften und die Beschäftigten sollten auf der Hut sein, um zu verhindern, daß es wieder einmal die arbeitenden Massen sind, die eine Krise finanziell stemmen müssen, während zahlreiche steuerflüchtige Unternehmen sogar Profit aus ihr schlagen.

Zwar sollte die allgemeine Forderung nach Arbeitsplätzen, die genug abwerfen, um damit ein ordentliches Leben führen zu können, aufrechterhalten werden. Gleichzeitig jedoch muß die Arbeit als allein sinnstiftende Lebenstätigkeit vom Podest genommen und neue, nachhaltigere Beschäftigungsmodelle endlich in Betracht gezogen werden. Schauen wir in die Gesichter der Menschen, die zu ihren Arbeitsplätzen hasten oder anschließend heim, sehen wir in den meisten Fällen traurige Mienen. Glücklich der, welcher in seiner Arbeit aufgeht. Auf die Mehrheit trifft dies kaum zu, schon gar nicht in diesen Zeiten, wo das Ungleichgewicht zwischen Arbeitspflicht und frei nutzbarer Lebenszeit nicht erst seit dem Virus zu kippen droht. Mit verheerenden Folgen für die Gesundheitssysteme und die Gesellschaft. Denken wir über das bestehende System nach, klingt es fast schon surreal, während eines Lebens, das sich so vielseitig gestalten läßt, an den meisten Tagen immer und immer wieder die selbe Tätigkeit auszuführen.

Dazu kommt, daß lange Arbeitszeiten gesundheitliche und geistige Schäden anrichten, deren Behandlung von der Allgemeinheit getragen werden muß, während die durch Mehrarbeit entstandenen Extra-Profite zum größten Teil in die Taschen der Unternehmer wandern. In der Hoffnung, daß sie weitere solcher Arbeitsplätze schaffen, erlässt man ihnen dann auch immer weiter die soziale Mitverantwortung. Ein Hamsterrad: Für den Einzelnen bleibt, so sehr er auch strampelt, am Ende immer dasselbe übrig.

Der technische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte hat die Produktivität enorm gesteigert, jedoch für die Massen nicht zu einer Entlastung, sondern zu einer Arbeitsverdichtung geführt, an deren Resultaten sie kaum teilhaben. Im Gegenteil wird stetig Lohnmoderation gefordert. Aber ist Arbeiten um jeden Preis noch zeitgemäß? Weder herrschende Politik, noch Wirtschaft sind dazu bereit, an solche Diskussionen zu denken.

Dabei haben Modellansätze von reduzierten Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich in manchen Ländern gute Ergebnisse erzielt. Die Gesundheit und die Motivation der Beschäftigten dort entwickelten sich positiv. Zeit für das eigene Leben wird freigemacht. Vereine und soziales Engagement profitieren davon, und nicht zuletzt der insbesondere hierzulande arg an den Nerven zehrende Straßenverkehr.

Soziale Fortschritte fallen nicht vom Himmel. Neben gewerkschaftlichem Druck müssen auch politisch Weichen dazu gestellt werden. Erst dann können längst überfälligen Wochen- und Lebensarbeitszeitverkürzungen wieder auf die Agenda. Denn: Nicht nur die 40-Stunden-Woche ist aus der Zeit gefallen, sondern auch die 35-Stundenwoche wäre, würde sie heute eingeführt, längst überholt. Daran ändert auch Corona nichts.

Christoph Kühnemund

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek