Russischer „Insel des Sozialismus“ droht Untergang

Unweit von Moskau hat der Agraringenieur Pawel Grudinin eine ehemals sowjetische Sowchose in den Kapitalismus gerettet und zu einem sozialen Musterbetrieb gemacht. Kreml-nahe Spekulanten streben nun eine feindliche Übernahme des wertvollen Grundes an – mit finanziellen und politischen Motiven.

Vor der Konterrevolution gab es im Moskauer Umland noch 15 landwirtschaftliche Sowchosen, d.h. staatliche Großbetriebe mit Landarbeitern mit fixen Löhnen, ungeachtet der tatsächlichen Ernteerträge. Im Gegensatz zu den Kolchosen handelte es sich dabei aber eben nicht um genossenschaftliche Kollektivbetriebe. Eine dieser Sowchosen, die auf den Namen „W. I. Lenin“ hört und südöstlich von Moskau liegt, wurde durch deren Vorsitzenden, Pawel Grudinin, zu Beginn der 1990er Jahre formell in eine Aktiengesellschaft verwandet, in der er selbst die Mehrheit hält. Der Name wurde beibehalten, auch wenn es sich nun um keine Sowchose mehr handelt. So weit ist das Ganze nicht ungewöhnlich, denn auf den ersten Blick sieht es nach einer privatkapitalistischen Aneignung eines ehemals volkseigenen Landwirtschaftsbetriebes aus. Das ist es ja auch, doch das Bemerkenswerte ist, dass in der Lenin-Sowchose die Arbeiterinnen und Arbeiter nicht maximal ausgebeutet werden, sondern eine soziale Realutopie innerhalb des Kapitalismus versucht wird, die in Russland als „Insel des Sozialismus“ bekannt ist.

Sozialer Musterbetrieb im russischen Kapitalismus

Auf einer Fläche von 2.000 Hektar wurde das eigentlich Unmögliche gemacht: Der Agrarbetrieb – produziert werden Gemüse, Obst und Milch – funktioniert wirtschaftlich, bietet den Arbeitenden jedoch erstaunliche Leistungen, die im gegenwärtigen kapitalistischen Russland ihresgleichen suchen. Dies rührt daher, dass der AG-Mehrheitseigentümer Grudinin sich zwar durchaus Profite aneignet, jedoch im Gegensatz zu gewöhnlichen Grundbesitzern und Oligarchen auf einen relevanten Teil verzichtet. In der Sowchose leben rund 1.000 Menschen in modernen, mehrstöckigen Häusern, rund 300 davon sind fix beschäftigte Landarbeiter (der Rest sind deren Familien sowie pensionierte ehemalige Mitarbeiter). Diese Unterkunft ist kostenlos, ebenso sind es die medizinische Versorgung, Kinderbetreuung, Bildung und Ausbildung sowie diverse Freizeitangebote. Die Löhne sind deutlich überdurchschnittlich gegenüber anderen großen Agrarbetrieben. Doch ganz kommt man freilich nicht am Kapitalismus vorbei: Im letzten Jahrzehnt wurde die Zahl der Beschäftigten aufgrund von technischer Modernisierung und Rationalisierung auf ein Drittel reduziert, außerdem kommen saisonal v.a. zentralasiatische Erntehelfer zum Einsatz, deren Bezahlung jedoch auch über den gewöhnlichen Beträgen liegt. Schlussendlich hat das Ganze also freilich weniger mit Sozialismus zu tun als mit kleinformatiger „sozialer Marktwirtschaft“, die immer auch ihre Grenzen hat und letztlich natürlich keine Lösung ist. Grudinin brachte das arbeits- und sozialpolitische Vorzeigeprojekt jedoch viel Anerkennung ein, die dieser auch politisch zu verwerten wusste.

Politisches Engagement Grudinins

Der heute 59-jährige Grudinin war von 1997 bis 2010 Abgeordneter der regionalen Duma der Oblast Moskau – für die Putin-Partei „Einiges Russland“. Dann vollzog er jedoch eine politische Wende, nachdem er realisiert hatte, dass mit dem Kreml kein sozialer Fortschritt möglich ist. 2011 wollte er daher für die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) zur Wiederwahl antreten, womit allerdings eine regelrechte Kampagne der russischen Behörden gegen seine Person einsetzte: Die Kandidatur für die Duma wurde ihm unter fadenscheinigen Begründungen untersagt, ebenso jene für den Rat des Rajons Lenin 2013. Nicht verhindern konnte der Kreml, dass Grudinin 2017 mit überwältigender Unterstützung der Bevölkerung in den Stadtrat von Widnoje gewählt wurde, wo ca. 66.000 Menschen leben – 2019 wurde er dort aber kaltgestellt. Im selben Jahr verhinderte die „Wahlkommission“ auch, dass Grudinin in die Staatsduma auf ein freigewordenes Mandat der KPRF nachrückte. Denn dazwischen lag die Präsidentschaftswahl von 2018, bei der Grudinin endgültig den vollen Zorn Wladimir Putins auf sich gezogen hatte. Denn er trat für die KPRF als Präsidentschaftskandidat an und erreichte trotz massiver Behinderungen und Schikanen von staatlicher Seite sowie medialen Diffamierungskampagnen den zweiten Platz hinter Putin, mit rund neun Millionen Stimmen (knapp 12 Prozent Stimmenanteil). Der Kreml-Partei wurde klar, dass mit Grudinin ein unter den arbeitenden Menschen populärer Volkstribun im Aufstieg war, der im Gegensatz zu all den „demokratischen“ Hoffnungsträgern des Westens sehr wohl zu einer ernsthaften Gefahr für die herrschende politische Elite werden könnte und auch noch die stärkste Oppositionspartei im Rücken hatte.

Drohende Zerstörung der Lenin-Sowchose

Daher ging die Regierung daran, Grudinin und seinen Musterbetrieb zu zerstören, womit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erschlagen werden sollen. Unter Bestechung von Grudinins Exfrau sowie mittels eines fragwürdigen Gerichtsurteils wurde nun die feindliche Übernahme der Sowchose W. I. Lenin vorbereitet. Natürlich nicht, um den Betrieb weiterzuführen, sondern um ihn zu schließen und auf dem Land lukrative Häuser mit Mietwohnungen zu errichten. Wladimir Palichata, ein für räuberische Aktivitäten bekannter Spekulant, und sein Geschäftspartner Dmitrij Sablin, der zufällig auch Duma-Abgeordneter von „Einiges Russland“ ist, wollen dieses Projekt umsetzen und werden dabei nicht nur von willfährigen Gerichten, sondern auch dem Gouverneur der Oblast Moskau, Andrej Worobjow, unterstützt. Man möchte die Sowchose nun also endgültig enteignen und zerstören sowie ihren fruchtbaren Grund, der auf einen Wert von etwa 900 Millionen Euro geschätzt wird, als Bauland umwidmen, um neue kapitalistische Profite zu ermöglichen. Damit verlieren 300 Beschäftigte ihre Arbeit, 1.000 Menschen ihre Unterkunft und Existenzgrundlage – und Grudinin sein Lebenswerk. Gleichzeitig würde ihm damit, so der Plan des Kremls, auch die Basis für seine große Beliebtheit in der Bevölkerung entzogen, wodurch sein politischer Einfluss beschränkt werden soll. Doch Putin und seine Freunde mögen sich nicht täuschen: Sie könnten auch einen Märtyrer erschaffen. Und wenngleich Grudinin gewiss kein Kommunist und Revolutionär ist, so könnte dies doch zu einem Aufschwung der tatsächlichen Bewegung für den Sturz nicht nur des Putin-Regimes, sondern des Kapitalismus sowie für den Sozialismus führen.

Quelle: Solidnet

Quelle:

Zeitung der Arbeit

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