Übernommen von Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen:
Der Schulstreik richtete sich gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht. In einer Zeit, die von Krisen, Kriegen und wachsender Unsicherheit geprägt ist, wird Militarisierung zunehmend als notwendige und beinahe zwangsläufige Antwort dargestellt. Gerade deshalb ist dieser Protest wichtig. Schwierige Zeiten rechtfertigen keine militärischen Lösungen. Sie machen die Suche nach friedlichen Alternativen umso wichtiger.
Der Streik selbst verlief ruhig, organisiert und bewusst gewaltfrei. Bundesweit gingen Schüler*innen in vielen Städten auf die Straße. Die Forderungen waren überall dieselben: keine Wehrpflicht, keine weitere Militarisierung, keine Normalisierung militärischen Denkens. Dass junge Menschen dafür die Schule verlassen, ist kein vereinzelter Akt kleiner Gruppen, sondern Ausdruck eines bundesweiten Großstreiks. Er zeigt Betroffenheit und Verantwortungsbewusstsein. Es geht um ihre Zukunft, ihre Freiheit und im Ernstfall um ihr Leben.

Wehrpflicht bedeutet staatlichen Zwang. Sie greift direkt in die Selbstbestimmung junger Menschen ein und erklärt sie zu verfügbarer Ressource für sicherheitspolitische Konzepte. Zeit, Körper und Lebensplanung werden der militärischen Vorbereitung untergeordnet. Wer davon betroffen ist, hat nicht nur ein Recht, sondern eine demokratische Pflicht, sich zu äußern. Freiheit ist kein bloßer Wert auf dem Papier. Sie muss dort verteidigt werden, wo sie konkret eingeschränkt werden soll.
Besonders problematisch ist, dass über diese Fragen häufig von älteren Generationen entschieden wird, die selbst nicht mehr betroffen sind. Dieses Muster ist nicht neu. Es zeigt sich auch bei Themen wie dem Klimaschutz und anderen zukunftsrelevanten Fragen. Während in Bereichen wie Bildung, die jungen Menschen Perspektiven eröffnen und sie zu gesellschaftsfähigen Mitbürgern erziehen soll, zunehmend Mittel gekürzt werden, scheinen für militärische Aufrüstung nahezu unbegrenzte finanzielle Ressourcen zur Verfügung zu stehen. Über die langfristigen Konsequenzen dieser politischen Prioritäten wird gesprochen, ohne diejenigen einzubeziehen, die sie tragen müssen. Wenn über die Zukunft junger Menschen autoritär entschieden wird, entsteht eine Verpflichtung zum Widerspruch.
In diesem Zusammenhang wird der Schulstreik häufig dafür kritisiert, dass er während der Unterrichtszeit stattfindet. Diese Kritik verkennt den Sinn eines Streiks grundlegend. Ein Streik lebt davon, den normalen Ablauf zu unterbrechen und Aufmerksamkeit zu erzeugen. Würde der Protest in der Freizeit stattfinden, wäre er politisch weitgehend wirkungslos. Ohne Sichtbarkeit gibt es keine öffentliche Debatte, ohne Störung keinen Druck. Ein Streik, der niemanden stört, ist kein Streik.
Umso bedenklicher ist es, dass einzelne Schulen mit Maßnahmen gegen streikende Schüler*innen gedroht haben, mit schlechten Noten bis hin zu Schulverweisen. Statt jungen Menschen zu ermöglichen, ihre demokratischen Rechte wahrzunehmen, wird der Protest sanktioniert.
Damit wird politische Beteiligung auf leises und folgenloses Mitmachen reduziert.
Gerade junge Menschen lernen durch Protest, was politische Teilhabe bedeutet. Sie lernen, dass Entscheidungen nicht naturgegeben sind, sondern gemacht werden und deshalb auch hinterfragt werden können. Wer Jugendlichen diese Erfahrung verwehrt, schwächt nicht nur ihren politischen Mut, sondern langfristig die Demokratie selbst.
Militarisierung wird häufig als Mittel für Sicherheit dargestellt. Doch diese Annahme ist fehlerhaft. Mehr Waffen schaffen kein Vertrauen, sondern verstärken Spannungen. Aufrüstung erzeugt Abschreckung und Misstrauen. Sicherheit, die ausschließlich militärisch gedacht wird, ist instabil. Sie basiert auf der Bereitschaft zur Gewalt und auf der Annahme, dass Konflikte letztlich mit Zwang gelöst werden müssen.
Ein pazifistischer Ansatz stellt diesem Denken bewusst etwas anderes entgegen. Er bedeutet die konsequente Suche nach friedlichen Lösungen, gerade dann, wenn die Lage schwierig ist. Diplomatie, internationale Zusammenarbeit, soziale Gerechtigkeit und politische Deeskalation sind Voraussetzungen für nachhaltige Sicherheit.
Der Schulstreik gegen die Wehrpflicht macht sichtbar, dass Militarisierung keine alternativlose Reaktion auf Krisen ist, sondern eine politische Entscheidung. Und politische Entscheidungen dürfen und müssen kritisiert werden. Besonders dann, wenn sie tief in individuelle Freiheiten eingreifen.
Dieser Schulstreik ist deshalb mehr als ein symbolischer Protest. Er ist ein demokratischer Akt einer jungen Generation, der nicht bereit ist, Entscheidungen über ihre Zukunft widerspruchslos hinzunehmen. Entscheidungen, die als Lösung der Probleme der älteren Generationen dienen sollen. Sich der Militarisierung entgegenzustellen, bedeutet, für eine Form von Sicherheit einzustehen, die auf Frieden, Freiheit, Mitbestimmung und Verantwortung basiert.
Richard W. I. Reiß
Landesverband Sachsen-Anhalt-Thüringen

Quelle: Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen

