Übernommen von Unsere Zeit:

Max von der Grün war einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller seit 1945. Das wurde er durch die Zielstrebigkeit, mit der er sein Thema verfolgte: das Leben des Arbeiters – stets bedroht von Arbeitslosigkeit – und der einfachen Menschen, aber auch durch die Mittel, mit denen er Sprache und Denken seiner Gestalten und ihre teils gefährlichen, aufrüttelnden Erlebnisse literarisch eindrucksvoll werden ließ. Wenn er oft als „Schriftsteller des kleinen Mannes“ bezeichnet wurde – und das selbst auch gern hörte –, so verschaffen seine mehr als 30 Bücher diesen Menschen eine literarische Heimat. Dabei orientieren seine Helden sich kaum an parteipolitischen Zielen; sie finden allenfalls bei den Gewerkschaften Unterstützung, die jedoch ebenfalls zwiespältig beschrieben werden.
Grüns Gesamtwerk ist nicht voll erschlossen; die journalistische Arbeit, Gedichte und die Aufsätze in Regionalzeitungen sind fragmentarisch bekannt. Seit den ersten Romanen – „Männer in zweifacher Nacht“ (1962), „Irrlicht und Feuer“ (1963), „Zwei Briefe an Pospischiel“ (1968) – hat sich manches verändert, Grundsätzliches nicht. Deshalb sind seine Werke aktuell: „Die Löhne sinken, der Urlaub wird teurer und der Sprit auch, da kommen die meisten hinten nicht mehr hoch.“ („Zwei Briefe an Pospischiel“).
Grüns Erfolg entstand aus der minutiösen Beschreibung sozialer Zustände und den gewählten Wirklichkeitsausschnitten, die sich nicht auf die Lage der Arbeiter beschränken, sondern Gesamtbilder im Blick haben. Durchdringend ist der Blick seiner Hauptgestalten. Sie erinnern an KZ und Zweiten Weltkrieg, an KPD-Verbot und Vertriebenenverbände; sie erleben Streiks, aber auch die Natur, haben eine Beziehung zu Pflanzen und Garten, sie lieben und feiern wie andere auch.
Die Leser erfahren von einer Wirklichkeit voller Konflikte: Max von der Grün schrieb, was er als Bergmann erlebte, und wurde dafür angegiftet, zum Beispiel von der „Welt“ am 8. Februar 1964: „Die Arbeitswelt als Thema hat nie die rechte Faszination auszuüben vermocht.“ Max von der Grün hat diese Wunschvorstellung konservativer Politiker gründlich widerlegt.
In der DDR zählten seine Werke zur deutschen Literatur, denn was im Westen als Arbeiterliteratur bezeichnet wurde, mit einem abwertenden Misston, war in der DDR gleichberechtigt: Anna Seghers und Erik Neutsch standen gleichberechtigt neben Arnold Zweig und Christoph Hein. Max von der Grün wurde ein führender Schriftsteller in der Arbeiterliteratur; in der DDR galt er als großartiger Schriftsteller, der eine menschenfeindliche Welt der Arbeit beschrieb, die man nicht kannte. Der Unterschied wird deutlich beim Vergleich mit Werken der DDR-Autoren Martin Viertel („Sankt Urban“, 1968), Horst Salomon („Der Lorbass“) und auch mit Werner Bräunig („Rummelplatz“, „Gewöhnliche Leute“), die ihre Arbeit im Schacht thematisierten.
Max von der Grün schrieb Romane – mehrere wurden verfilmt –, Erzählungen, Kinder- und Jugendbücher („Vorstadtkrokodile“, 1973), Journalistisches und Essayistisches.
Die eigenwillig-auffälligen männlichen Hauptgestalten seiner Romane sind ihrem Schöpfer ähnlich: Jürgen Fohrmann („Irrlicht und Feuer“), Paul Pospischiel („Zwei Briefe an Pospischiel“) oder Karl Maiwald („Stellenweise Glatteis“, 1973) sind grantig und gutmütig, diszipliniert und unberechenbar, leidenschaftlich und unaufgeregt, unbestechlich und störrisch, unpolitisch und doch jederzeit kritisch engagiert. Seine Helden sind typisiert: schwer arbeitende Männer, verheiratet, ohne parteiliche Interessen, mit Kommunisten wie mit uneinsichtigen Vertriebenen bekannt: „Fohrmann arbeitete auf der Baustelle nicht besonders eifrig, auch nicht lässig, er war wie alle anderen, ließ das Werkzeug zur Pause fallen und kehrte in die Baracke wie die anderen zehn Minuten vor Feierabend zurück. Er trank wie alle anderen seine Flasche Bier täglich, und er schimpfte auf Zustände, die ihn mehr oder minder bedrückten, wie die anderen.“ Auffallend ist, wie das Wort „anderen“ aus dem Individuum Jürgen Fohrmann die Masse der „anderen“ werden lässt, ein Merkmal von Grüns Schreiben.
Andere haben ihn begleitet oder sind ihm gefolgt, Max von der Grün wurde 1961 eine der wichtigsten Gestalten der Dortmunder Gruppe 61. Er repräsentierte dort den Arbeiterschriftsteller der Bundesrepublik. Dabei stammte sein Name aus einem alten Adelsgeschlecht. Doch musste die Familie von der Grün sich eingestehen, dass sich ihr berühmter Namensträger nicht für sie interessierte.
Max von der Grün wurde am 25. Mai 1926 in Bayreuth von dem Dienstmädchen Margarete von der Grün unehelich geboren; der Vater, ein Knecht, gründete eine andere Familie. Das Kind wuchs bei Großeltern in Schönwald (Oberfranken) und der Mutter, die inzwischen einen Bibelforscher (Selbstbezeichnung heute: Jehovas Zeugen) geheiratet hatte, im heute verschwundenen Paulusbrunn (Tschechien) auf. Die frühe Biografie spielt in den Texten eine große Rolle. sie in Grundzügen zu kennen ist gut für das Verständnis der Romane; bedrückend intensiv werden Kindheitserlebnisse, die Vertreibung aus Tschechien 1938 durch die Henlein-Deutschen, in „Zwei Briefe für Pospischiel“ beschrieben. Als Elternbeirat und Lehrerkollegium der Grundschule von Schönwald anregten, der Schule den Namen des Schriftstellers zu verleihen, lehnte das die CSU-Fraktion im Stadtrat ab. Sonst spielen seine Romane vorwiegend in Dortmund, leben seine Hauptgestalten wie auch ihr Autor nach dem Kriege dort. Dortmund wurde die zweite, hassgeliebte Heimat.
Neben den oft kriminalistisch wirkenden Ereignissen seiner Bücher sind diese charakterisiert durch eine der sozialen Wirklichkeit entsprechende Sprache: Triviales wird genutzt, durch ironische, manchmal sarkastische Brechungen schockierender Vorgänge – „Es war weiter nicht viel (im Schacht, R. B.) passiert. Ein Unglück – fünf Überlebende, drei Tote“. Stilistische Mittel wie häufige Wiederholungen, Symbole, vom Mercedesstern bis zur Malve, und Geräuschbeschreibungen begleiten die Handlungen; Konfliktsituationen wie das Weihnachtsfest benutzte er überzeugend. Grün vermochte sogar mit emotional aufgeladenen Szenen, selbst erotischen, zu beeindrucken. Willi Bredel war Max von der Grün dabei Vorbild, sowohl als bedeutender Schriftsteller als auch als Politiker, im Gestalterischen orientierte er sich an der anekdotischen Zuspitzung des Erzählten.
Der Roman „Irrlicht und Feuer“ löste eine Zuspitzung der Zensur aus und war 1965 in der DDR, wo er 1966 verfilmt wurde, eine Sensation: Diese Arbeitswelt war im Osten fremd, es gab sie dort nicht mehr. In diesem Alltag waren ungewöhnliche, ja ungesetzliche Vorgänge normal; dadurch entstand für die Leser in der DDR zusätzliche Spannung. Vorgänge, die kriminell scheinen, erweisen sich im Verlauf des Geschehens als alltäglich und systemimmanent. Der Autor ging noch einen Schritt weiter und ließ kriminelles Verhalten in Firmen betriebsnormal erscheinen („Stellenweise Glatteis“), was dazu führte, dass auch die Arbeiter überlegten: „Frank hatte nicht unrecht, als er einmal zu mir sagte: Lothar, wir müssen ein Zeichen setzen. Etwas in die Luft sprengen oder eine Bank ausräumen, irgendetwas ausrauben.“ Lothar Steingruber ist der arbeitslose Held in „Flächenbrand“ (1979), der schließlich eine Arbeit findet, aber sie stellt sich als Waffentransport heraus. Durch solche und andere gestalterische Mittel – eine alltagsgerechte Sprache, eine provokante Heiterkeit und meisterlich gehandhabte Wiederholungen – versah Max von der Grün seine Handlungen mit einer tragfähigen Spannung, die sich nicht auf einen durchgehenden Konflikt gründete, sondern aus einem Netz von Konflikten bestand, das alles überzog, die Menschen in ein entfremdetes, „erbärmliches Leben“ („Männer in zweifacher Nacht“) trieb und so Abbild des gesellschaftlichen Systems wurde. Der Roman „Stellenweise Glatteis“ wird eröffnet: „Die Invaliden fanden das Mädchen auf dem Weg.“ Der ehemalige Fernfahrer Karl Maiwald hat als Fernfahrer ein Kind unabsichtlich überfahren, wurde freigesprochen, fühlt sich aber schuldig, weil er unter der Wirkung von Tabletten stand. Doch das wird überschattet von einem kriminellen Ereignis: Maiwald entdeckt durch Zufall, dass eine Wechselsprechanlage in der Direktion seines Dortmunder Betriebes in Wirklichkeit eine Abhöranlage ist, die private Gespräche der Arbeiter überwacht. Die Anlage muss abgebaut werden und auch Maiwald bekommt am Ende Recht, aber er stellt das letzte Kapitel des Romans unter den konjunktivischen Vorbehalt: „Ich hätte zufrieden sein müssen.“ Diese Haltung des Aufbruchs, mit dem formelhaften „hätte“, bestimmt das letzte Kapitel. Dahinter steckt eine kämpferische Hoffnung, Max von der Grüns dauerhaftes Vermächtnis.
Quelle: Unsere Zeit

