Übernommen von Unsere Zeit:

Vom 24. bis 26. Mai fand in Moskau das III. Internationale Antifaschistische Forum, veranstaltet von der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF), statt. An dem Treffen nahmen hunderte Antifaschistinnen und Antifaschisten aus mehr als 100 Ländern teil. Die DKP wurde von Renate Koppe, Internationale Sekretärin der Partei, vertreten. Wir veröffentlichen im Folgenden den Beitrag von Egon Krenz, ehemaliger Generalsekretär des ZK der SED. UZ wird in der nächsten Ausgabe ausführlich über das Forum berichten.
Zum ersten Mal habe ich im Winter 1957, knapp zwölf Jahre nach dem Sieg der Sowjetunion über den deutschen Faschismus, hier in Moskau auf einem Friedenstreffen gesprochen. Zu meinem Thema gehörte seitdem, wie Bürger der Deutschen Demokratischen Republik aus der Geschichte gelernt hatten, dass Sowjetunion und Frieden eins waren.
Die Entspannungspolitik der siebziger und achtziger Jahre war für beide Seiten gut. Sie hat dazu geführt, dass aus dem Kalten Krieg kein heißer, kein atomarer wurde. Das wussten damals auch Willy Brandt und selbst CDU-Kanzler Kohl. Ihre politischen Erben in Deutschland haben dies leider vergessen.
Im Osten des nun vereinten Deutschlands ist die Erkenntnis von der Friedensmacht Sowjetunion bei vielen Bürgern noch heute lebendig: Frieden in Europa wird es nur mit und nicht gegen Russland geben. Während der deutsche Außenminister unverschämt erklärte: „Russland wird immer ein Feind für uns bleiben“, erklären immer mehr Bürger: „Russland ist nicht unser Feind.“
In wenigen Wochen jährt sich zum 85. Mal das Schanddatum der deutschen Geschichte: Der 22. Juni 1941 – der Tag des heimtückischen deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. 27 Millionen Sowjetbürger verloren in Hitlers Raubkrieg das Leben. 1.710 Städte und über 70.000 Dörfer, zehntausende Industriebetriebe sowie Schulen, Universitäten und Kultureinrichtungen wurden dem Erdboden gleichgemacht. Kein Land der Welt hatte mehr Opfer zu beklagen als die Sowjetunion.
Diese geschichtlichen Fakten müssen von Regierungen aller Couleur anerkannt und gewürdigt werden. Die Soldaten der Roten Armee haben ihr Leben für ihre Heimat und darüber hinaus für die Menschheit gegeben. Im Treptower Park in der deutschen Hauptstadt Berlin steht ein Denkmal, das einen sowjetischen Soldaten zeigt, der mit einem deutschen Kind im Arm das Hakenkreuz zertritt. Das ist eine Botschaft auch für uns heute.
Die Sieger des Zweiten Weltkriegs haben es verdient, für alle Zeiten fest in der Erinnerung der Völker zu bleiben – unabhängig von tagespolitischen Ereignissen. Die Denkmäler, die ihnen gewidmet sind, mahnen: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!
An den Wänden des Deutschen Reichstags, in dem seit der staatlichen deutschen Einheit das Parlament, der Deutsche Bundestag, tagt, sind Inschriften von Sowjetsoldaten zu lesen, die vor 81 Jahren den Reichstag erstürmten und das rote Banner des Sieges hissten. Alle berühren mich zutiefst. Eine Inschrift ganz besonders. Sie lautet: „Deutschland, wir sind zu dir gekommen, damit du nicht mehr zu uns kommst.“
Ich stelle mir vor, was dieser Rotarmist empfinden würde, könnte er erleben, dass Deutschland nach dem Willen seiner Regierenden wieder „kriegstüchtig“ werden soll. Wahrscheinlich würde er fragen: Warum vergesst Ihr Deutschen immer wieder Eure eigene Geschichte? Die Russen sind niemals in kriegerischer Absicht nach Deutschland gekommen. Sie kamen zweimal – einmal wegen Napoleon und einmal wegen Hitler. Wie das ausging, ist gut bekannt. Ihr aber, die Deutschen, kamt im 20. Jahrhundert zweimal in unsere russische Heimat. Und jetzt sollen wir erneut Eure Feinde sein? Nein, das kann nicht wahr sein …
Ich bin noch Kriegskind, war 1945 acht Jahre alt, habe das Ende der Naziherrschaft noch erlebt, Krankheit, Hunger und Armut dazu. Manche Kindheitserinnerungen verliert man nie. Zum Beispiel, wie tiefschwarzes, feuchtes russisches Soldatenbrot schmeckt, wenn ringsum jedes Gramm Essen rationiert ist. Unweit meines Zuhauses war ein sowjetischer Offizier einquartiert, ein Dolmetscher der Militärkommandantur. Jeden Abend, wenn er vom Dienst nach Hause kam, brachte er mir etwas Essbares mit. Ein Stückchen Kastenbrot eben, oder Würfelzucker, manchmal einen Kanten Speck. Einmal summte er ein Lied, und ich sollte einstimmen. Das konnte ich nicht. Er rief mir zu: „Das ist doch aber das Heideröslein von Goethe.“
So lernte ich Goethes „Heideröslein“ von einem Rotarmisten, der im Krieg durch deutsche Schuld seine Eltern verloren und dennoch seine Liebe zur deutschen Sprache behalten hatte. Ich lernte die tatsächliche Natur der Sieger kennen, die uns die Nazis als „barbarische Untermenschen“ weiszumachen versucht hatten. Die Dankbarkeit für die Befreiungstat der Roten Armee stand in der DDR nie zur Disposition. Sie war sowohl Staatsräson und zugleich Charaktersache für einen Großteil der Bevölkerung.
Daraus erklärt sich zum erheblichen Teil auch die weit verbreitete ostdeutsche Empörung über den Rückfall bundesdeutscher Politik in einen ideologischen Käfig von Russophobie und unüberwindbar erscheinendem Völkerhass.
Am Vorabend des 85. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion frage ich mich erneut, welche moralische Verantwortung die Geschichte uns Deutschen auferlegt. Mir fällt dabei als erstes ein Wort meiner Landsmännin Rosa Luxemburg ein, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit Berufung auf Friedrich Engels schrieb: „Die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem Dilemma, entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei“.
Die Vernunft gebietet es, den Marsch in die russophobe Kriegstüchtigkeit zu stoppen. Die Weichen auf Zukunft zu stellen, bedeutet: Keine Hochrüstung, keine neuen Raketen! Deutschland muss nicht „kriegstüchtig“ sein, sondern friedensfähig werden.
Egon Krenz kommt zu den UZ-Friedenstagen, die vom 28. bis 30 August in Berlin stattfinden. Gemeinsam mit Patrik Köbele, Vorsitzender der DKP, Liedermacher Hartmut König und Schauspieler Erich Schaffner gestaltet er eine Matinee „Deutsche Wege – Warum im Osten Arbeiterparteien vereinigt und im Westen die KPD verboten wurde“.
Quelle: Unsere Zeit

