Übernommen von Unsere Zeit:

Nach 64 Tagen Streik gibt es eine Einigung in der Tarifauseinandersetzung bei den Berliner Vivantes-Tochterfirmen. In der vergangenen Woche sprachen sich Streikversammlung und Tarifkommission für die Annahme des Verhandlungsergebnisses aus.
Das Hauptziel der kämpfenden Belegschaft – die Gleichstellung ihrer Gehälter mit denen der Kernbereiche des Konzerns – ist in greifbare Nähe gerückt. Bis 2031 soll dies geschehen, nach einem Stufenplan, der unter anderem eine sofortige Lohnsteigerung von 6,8 Prozent beinhaltet. Im Vergleich mit anderen aktuellen Tarifabschlüssen erscheint das beachtlich. Allerdings ist das bisherige Lohnniveau, auf das die Steigerung berechnet wird, besonders niedrig.
An vielen weiteren Punkten wurden Verbesserungen erkämpft, besonders bei den verschiedenen Schichtzulagen. Aber mit einer Laufzeit von 72 Monaten sind die Rahmenbedingungen ungewöhnlich lange festgelegt. Auch konnte die Übernahme in die betriebliche Altersvorsorge VBL nicht durchgesetzt werden. Diese Forderung stand in den letzten Wochen sehr im Fokus der Auseinandersetzung. Die Geschäftsführung hatte sich in diesem Punkt aber keinen Millimeter bewegt.
Aus der Berliner Landespolitik kamen während des Streiks unterschiedliche Signale zur Zukunft der landeseigenen Klinik-Servicegesellschaften. Der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses lehnte eine Wiedereingliederung in den Konzern mehrheitlich ab und verwies auf angeblich zu hohe Kosten. Das Landesparlament sprach sich dagegen erneut für die Wiedereingliederung aus, was allerdings als Schaulaufen für die im September anstehende Abgeordnetenhauswahl in Berlin gewertet werden kann.
Während der gesamten seit Januar andauernden Tarifauseinandersetzung wurde deutlich, dass vom Senat keine Unterstützung für die Beschäftigten zu erwarten ist. In der Tarifrunde von 2021 war das Ziel, an den Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst (TVöD) angeglichen zu werden, bereits klar formuliert worden. Erreicht wurde damals in harten Kämpfen einiges im Bereich der Sonderzahlungen, viel mehr aber nicht. Mit dem jetzigen Tarifabschluss, sollte er in der laufenden Urabstimmung angenommen werden, wäre in einer Kernfrage ein qualitativer Sprung erreicht.
Die Belegschaft ist mit ihrem Arbeitskampf an die Grenzen des Leistbaren gegangen. Die ungefähr 500 Kolleginnen und Kollegen, die aktiv gestreikt haben, mussten in dieser Zeit deutliche finanzielle Einbußen hinnehmen. Es gibt nicht viele Streiks, die in ihrer Dauer vergleichbar sind mit den 64 Tagen bei den Vivantes-Töchtern. Lange Zeit war unklar, ob überhaupt ein akzeptables Ergebnis erreichbar ist.
Spenden wurden gesammelt, um das Streikgeld etwas aufzubessern. Solidarität gab es an vielen Stellen der Stadt und darüber hinaus. Gemessen am massiven Gegenwind, den Beschäftigte derzeit in der Bundesrepublik bekommen, haben die Streikenden gezeigt, dass sich Kämpfen weiterhin lohnt. Und das gerade in einer Zeit, die ein Kipppunkt zu sein scheint zu einem Umbau zur Kriegswirtschaft.
Quelle: Unsere Zeit

