Übernommen von Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek:
Wer an einem drückenden Sommernachmittag Knuedler oder Glacis überquert, begibt sich dieser Tage in glühende Stein- und Asphaltwüsten. Gleißendes Licht reflektiert auf makellos verlegtem Pflaster, die Luft steht zwischen den Fassaden, und Schatten ist so Mangelware wie bezahlbarer Wohnraum. Die Thermometer steigen unerbittlich, doch die Architektur unserer Zentren tut so, als läge Luxemburg noch immer in einer dauerhaft kühlen Übergangszone. Extreme Hitzewellen sind längst keine Ausnahmeszenarien mehr – sie sind die neue sommerliche Realität unseres Landes. Und so werden auch die heißen Tage dieser Woche nur eine Hitzeperiode von noch unzählig vielen sein.
Das Phänomen ist physikalisch simpel, gesellschaftlich jedoch verheerend: Die Verdichtung in den urbanen Zentren der Hauptstadt oder des Südens erzeugt urbane Hitzeinseln. Massive Betonflächen, Asphalt und Glasfronten speichern die Sonnenstrahlung tagsüber und geben sie nachts kaum ab. Was in Architekturwettbewerben als smarte Eleganz gefeiert wird, verwandelt sich bei über 35 Grad in einen unbewohnbaren Backofen. Gepaart werden viele der abstoßend häßlichen Neubau-Kisten in Wohngebieten dann oftmals mit Schottergärten, die ihr übriges tun.
Dabei wird eine Dimension oft verdrängt: Hitze ist längst eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Während vermögende Haushalte in die begrünten Randgemeinden flüchten oder klimatisierte Orte nutzen, trifft die Überwärmung der Städte vor allem sozial schwächere Schichten, Ältere und Familien in kompakten Mietwohnungen. Wer ein Haus im Grünen besitzt, flieht am Wochenende in den eigenen Garten. Wer hingegen in einer aufgeheizten Dachwohnung sitzt, hat keine Ausweichmöglichkeit. Der kühle öffentliche Raum müßte eigentlich das demokratische Auffangbecken sein – ein Ort, an dem sich jeder kostenfrei aufhalten kann. Doch wo kein Baum steht, existiert auch dieser Zufluchtsort nicht.
Wo liegt die Ursache? Es ist das Erbe einer Stadtplanung, die Ästhetik, Funktionalität für den Autoverkehr und maximale Flächennutzung jahrzehntelang über ökologische Resilienz stellte. Zwar versprechen Politik und Kommunen Besserung, doch das Tempo offenbart ein dramatisches Mißverhältnis. Das Prinzip der »Schwammstadt« – das Speichern von Regenwasser zur natürlichen Verdunstungskühlung – bleibt oft ein Lippenbekenntnis. Noch immer dominiert der Parkplatz die Fläche, wo eigentlich tiefwurzelnde Laubbaume stehen müßten.
Klimaanpassung darf nicht länger als grüner Unsinn abgetan werden. Sie ist knallharte Gesundheits- und Kernaufgabe der Daseinsvorsorge. Wenn Luxemburg Milliarden in Infrastruktur und Finanzwesen investiert, muß derselbe politische Mut aufgebracht werden, um die Lebensqualität vor der eigenen Haustür zu sichern. Der nächste Rekordsommer kommt bestimmt. Es wird Zeit, den Betonfetisch zu beenden und den Bürgern ihren Schatten zurückzugeben. Und auch ein weiteres Thema spielt hier mit hinein: Gesundheit am Arbeitsplatz darf nicht mehr länger aus einem Sammelsurium von »Empfehlungen« bestehen. Denn nicht nur die öffentliche Infrastruktur, sondern auch die Arbeitsplätze müssen, soweit dies möglich ist, fit für die Zukunft in der Klimakatastrophe gemacht werden. Ganz besonders in einem Land, wo der Präsenzfetisch noch immer sein Unwesen treibt. Gesundheit am Arbeitsplatz muß künftig deshalb klare Regeln auch in Bezug auf diese Entwicklung aufstellen.
Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

