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Sivas: das viehische Massaker an den Alevit:innen am 2. Juli 1993

Kommunistische Gewerkschaftsinitiative - International

Übernommen von KOMintern:

Seit der Gründung der Türkischen Republik und deren kemalistisch staatlichem ‚Homogenisierungsprojekt‘ – später nahtlos unter einer erneuerten militanten „türkisch-islamischen Synthese“ fortgesetzt –, sieht sich die zwischen 15 bis 20 Millionen zählende alevitische Minderheit am Bosporus Massakern, Pogromen und staatlich geduldeten Hexenjagden ausgesetzt. Am heutigen 2. Juli jährt sich das 1993 live von türkischen TV-Sendern übertragene Sivas-Massaker, dem auch in Österreich jährlich gedacht wird.

 Das Sivas-Massaker 1993

Am 2. Juli 1993 versammelten sich zahlreiche Intellektuelle, Schriftsteller:innen, Kulturschaffende und Journalist:innen, vorwiegend alevitischen Glaubens – am Geburtsort des Ende des 16. Jahrhunderts hingerichteten alevitischen Gelehrten und Dichters Pir Sultan Abdal – in Sivas.

Die Veranstaltung wurde daraufhin – auf dem gleichzeitigen Hintergrund einer neu entfachten militant nationalistischen Welle am Bosporus – von einem aufgeheizten und islamistisch-faschistisch aufgepeitschten Lynchmob Tausender angegriffen und auf das Madımak-Hotel, in dem diese stattfand, ein Brandanschlag verübt. Gleichzeitig hinderte der Mob die Veranstaltungs-Teilnehmer:innen an der Flucht aus dem Feuer. „Das ist das Höllenfeuer! Das Feuer, in dem die Ungläubigen brennen werden“, schallte es aus den Reihen der Angreifer entsprechend. 33 Teilnehmer:innen des alevitischen Festivals und 2 Hotelangestellte verbrannten in den Flammen. Das jüngste Opfer, Koray Kaya, war erst 12 Jahre alt.

Das Massaker als Live-Event im TV und staatliche Konterguerilla

Die damalige Regierung Çiller hat das Massaker 8 Stunden lang live über die Fernsehsender ausstrahlen lassen. Die Bilder zeigen u.a. wie Angreifer zielgerichtet in das Hotel eindrangen, Benzin vergossen und es ansteckten bis das Gebäude schließlich unter dem Jubel des Mobs lichterloh im Feuer stand. Obwohl die Sicherheitskräfte die Möglichkeit in der Hand gehabt hätten, einzuschreiten und das geplante Massaker zu verhindern, haben sie das Pogrom untätig zugelassen. Ja, zahlreiche Angehörige der staatlichen Konterguerilla haben sich vielmehr noch unter den Pogrommob gemischt, um diesen zu Übergriffen auf die traditionell als links geltende religiöse Minderheit der Alevit:innen anzustacheln und voranzupeitschen. Dementsprechend ließen die anwesende Polizei und Feuerwehr die Marodeure auch gewähren und griffen erst ein, als der Spuck sein Ziel erreicht hatte.

Eine Kriegserklärung an alle Andersdenkenden

Das Sivas-Massaker an den Alevit:innen war darüber hinaus zugleich eine viehische Drohung an alle Andersdenkenden, kämpferisch-progressive Bewegungen und Linke, sowie den kurdischen Freiheitskampf. Entsprechend hob auch der Ko-Vorsitzende des alevitischen Verbandes DAD in Ankara, Mustafa Karabudak, vor wenigen Jahren hervor: „Damals, als das Massaker stattfand, gab es eine Koalitionsregierung, die sich politisch festgefahren hatte. Es gab wichtige Entwicklungen im kurdischen Freiheitskampf. Es fanden Arbeitskämpfe statt und auch die Studierenden waren auf der Straße. Es ging dem Staat bei dem Massaker darum, die Massen zum Schweigen zu bringen.“

Mörder auf freiem Fuß – Drahtzieher begnadigt

Die Mörder von Sivas hingegen laufen überwiegend immer noch auf freiem Fuß und völlig unbehelligt herum. Mehr noch: Ahmet Turan Kılıç, einer der Drahtzieher und Täter des Sivas-Massakers sowie einer der wenigen Beteiligten die zur Rechenschaft gezogenen wurden, wurde 2020 von Erdoğan überhaupt begnadigt. Eine offene Verhöhnung der alevitischen Opfer. Andere Pogromisten flohen damals nach Westeuropa, wo sie Asyl erhielten.

Der Ruf nach Aufarbeitung, Gerechtigkeit und einem „Museum der Schande“

In der Türkei ist währen dessen im September 2023 ist auch das letzte noch anhängige Verfahren im Zusammenhang des Sivas-Massakers wegen Verjährung eingestellt worden. Als letztes juristisches Instrument ist lediglich noch eine Klage von Opferangehörigen beim Verfassungsgerichtshof anhängig, das Massaker als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen und es damit zu einer unverjährbaren Straftat erklären. Zum Unwillen des „Palast“ in Ankara. In Sivas sowie zahlreichen Städten der Türkei und Europas hingegen gedenken Abertausende jährlich des Massakers. Zumal das Pogrom auch nach über drei Jahrzehnten keinerlei gesellschaftliche Aufarbeitung erfahren hat. Und auch in Österreich finden quer durchs Land alljährlich Gedenkveranstaltungen an dieses viehische Verbrechen statt.

Quelle: KOMintern

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