Übernommen von Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek:
Hunderttausende Menschen haben in Madrid für das Recht auf Wohnen und gegen Zwangsräumungen demonstriert. Der Protest stand unter dem Motto »Ni una Maricarmen más« (»Keine weitere Maricarmen«) und richtete sich auch gegen die Zwangsräumung einer 87-Jährigen namens Maricarmen Abascal, die nach 70 Jahren aus ihrer Wohnung in der spanischen Hauptstadt vertrieben worden war.
Das Innenministerium sprach von rund 25.000 Teilnehmern; die Veranstalter vom Mieterverband Sindicato de Inquilinas von 300.000. Nach Abschluß der Großdemonstration begannen einige der Teilnehmer, auf dem zentralen Platz Puerta del Sol ein Protestcamp zu errichten.
Der Fall der 87-Jährigen hatte in Spanien Entsetzen ausgelöst. Sie war 1956 als 17-Jährige mit ihren Eltern in die Wohnung im Madrider Stadtteil Retiro eingezogen und hatte später den Mietvertrag von ihren Eltern übernommen. Nach Angaben des Mieterschutzbundes erwarb ein Investor das Gebäude und erhöhte die Miete um unfaßbare 275 Prozent auf nun 2.650 Euro pro Monat.
»Bitte, kämpft weiter!«
Am Mittwoch wurde die 87-jährige Abascal nach mehreren gescheiterten Räumungsversuchen aus der Wohnung geholt und in ein Krankenhaus gebracht. »Ich habe es nicht geschafft, mein Haus zu verteidigen, aber ich habe dafür gekämpft, daß die anderen lernen, für ihres zu kämpfen!«, sagte die Rentnerin in einer über den Mieterverband verbreiteten Botschaft. Im Interview beim Fernsehsender RTVE sagte sie: »Bitte, kämpft weiter!«
Maricarmen Abascal ist in ihrer Mobilität eingeschränkt und hat einen Behinderungsgrad von 50 Prozent. Trotz ihrer Situation wolle sie weiter für das Recht auf Wohnen kämpfen, kündigte sie an.
Die Demonstranten machen sowohl die sozialdemokratische spanische Zentralregierung von Pedro Sánchez als auch konservative Regionalregierungen wie jene von Isabel Díaz Ayuso in Madrid für die Wohnungsnot verantwortlich. Sie fordern unter anderem die automatische Verlängerung von Mietverträgen auf unbestimmte Zeit, einen besseren Schutz vor Zwangsräumungen, ein Einfrieren der Mieten sowie eine Reform des Mietrechts, die Zeitmietverträge und die Vermietung von Zimmern stärker reguliert.
Die EU-Deputierte Irene Montero, eine ranghohe Politikerin der linken Partei Podemos, forderte die Enteignung von 650.000 Wohnungen, die sich nach ihren Worten im Besitz von »Geierfonds« befinden, um sie für sozialen Wohnraum zu nutzen.
An dem Marsch von der Puerta del Sol zum Kongreßgebäude beteiligten sich am Samstagabend Menschen verschiedener Generationen. Ganze Familien, Jugendliche und Rentner zogen zusammen durch das Zentrum der Hauptstadt. Größere Kundgebungen gab es gleichzeitig in elf anderen Städten Spaniens. In den vergangenen Tagen hatte es bereits landesweit erste Manifestationen gegeben.
Unter dem Eindruck der Proteste will die Regierung am heutigen Dienstag im Ministerrat ein nach Maricarmen Abascal benanntes Gesetzesdekret zur Wohnungspolitik verabschieden. Vorgesehen sind unter anderem Maßnahmen gegen Zwangsräumungen. Das Dekret hätte sofort Gesetzeskraft, müßte aber innerhalb von 30 Tagen vom Parlament gebilligt werden. Die Regierung verhandelt derzeit noch mit mehreren Parteien über die nötige Mehrheit.
Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

