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Mit Humor gegen Hass

Übernommen von Unsere Zeit:

Es sei nicht einfach, mit ihm zusammenzukommen, scherzt Sergej Netschajew: „Manche meinen immer noch, ich sei toxisch.“ Die 70 Besucherinnen und Besucher lachen herzhaft. Sie verstehen, was der Botschafter der Russischen Föderation in der BRD meint: Sie mussten sich für diese Veranstaltung rechtzeitig anmelden und eine knappe halbe Stunde Fahrtzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln einplanen. Die Diskussionsrunde „Gegen Geschichtsfälschung und Russophobie“ mit Botschafter Netschajew im Rahmen der UZ-Friedenstage hätte eigentlich im FMP1 stattfinden sollen. Das FMP1 untersagte das kurzfristig.

„Das ist eine historische Schande“, sagt Patrik Köbele, Vorsitzender der DKP, dazu bei der Begrüßung der Gäste in der Ausweichlokalität „Der Raum“ in der Rungestraße in Berlin. Die Ausladung des Botschafters durch das FMP1 unterstreicht, wie wichtig dieser Dialog ist.

Der Botschafter war mit Standing Ovations begrüßt worden. „Lieber Patrik, lieber Arnold, lieber Egon, liebe Genossinnen und Genossen“, begrüßt Netschajew sein Publikum. Er erntet warmen Applaus. Mit „lieber Egon“ ist Egon Krenz gemeint, einst Vorsitzender des Staatsrats der DDR und Generalsekretär der SED. Er sei überrascht, sagt Netschajew, dass die DDR heute scharf kritisiert werde. Die Lebensbedingungen dort seien „sehr attraktiv“ gewesen. Mitte der 1970er Jahre habe er das selbst erleben dürfen.

Nach den einleitenden Worten und der ersten Frage des Moderators Arnold Schölzel zeichnet Sergej Netschajew die lange Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen nach. „Unique“ seien die, betont er mehrfach. Die DDR war der wichtigste Handelspartner der Sowjetunion, weiß Netschajew – und die BRD der wichtigste im kapitalistischen Ausland. Kein Land Westeuropas habe so sehr von der Annäherung im ausgehenden Kalten Krieg profitiert wie Deutschland. Der Botschafter erinnert daran, dass die „Wiedervereinigung“ Deutschlands an die Zusage geknüpft war, die NATO nicht nach Osten auszuweiten. Damals habe gegolten: Ein Mann, ein Wort. „Jetzt diese rigorose Zeitenwende.“ Warum, verstehe er nicht: „Wir haben Deutschland nichts angetan.“ Jedes Schulkind in Russland kenne deutsche Schriftsteller und deutsche Musiker, berichtet der studierte Germanist.

Netschajew zeichnet auch die Bemühungen der Russischen Föderation nach für eine europäische Sicherheitsarchitektur, „die nicht auf Kosten anderer Staaten geht“. Und er erinnert daran, dass die Umsetzung der Minsker Abkommen am „Wertewesten“ scheiterte, nicht an Russland. „Die Rolle der Bundesregierung und einiger politischer Kräfte ist für uns stark enttäuschend“, formuliert Netschajew.

Der Botschafter äußert sich auch zu den Vorwürfen der Bundesregierung, sein Land stecke hinter dem Drohnenvorfall in Leipzig. Was habe Russland damit erreichen wollen, fragt er: „Wo ist die Logik?“ Russland habe genug Möglichkeiten, so etwas „ordentlich“ zu machen, feixt Netschajew. Und fragt weiter: Wieso Russland den Chef von Rheinmetall „jagen“ solle – „Wozu? Warum?“ Überall „Wegwerfagenten“ – „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was wir hier ausspionieren müssen.“ Die NATO angreifen, 2029 oder 2030? „Da frage ich immer, was suchen wir hier? Seltene Erden?“

Mit Kritik hält der Botschafter sich erklärtermaßen zurück: „Wir mischen uns nicht in innere Angelegenheiten ein.“ Als das Gespräch auf die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines kommt, stellt er fest: „Wir bekommen immer noch keine Information, wer wirklich der Täter war und wer Auftraggeber.“ Leider sei Russlands Hilfe bei der Aufklärung „nicht gefragt“. „Sehr skeptisch“ sei er, wenn es um die „Kontextualisierung“ sowjetischer Ehrenmale in Deutschland gehe: „Wir wollen die Geschichte nicht fälschen.“

Zwei Tage bevor er wegen des Drohnenvorfalls in Leipzig von der Bundesregierung einbestellt wird, findet er noch etwas historischen Optimismus: Angesichts einer gemeinsamen tausendjährigen Geschichte, vieler Gemeinsamkeiten und Erfahrungen sowie des „deutschen Pragmatismus“ werde irgendwann wieder Normalität in die deutsch-russischen Beziehungen einkehren.

Ein Bonmot gibt der Botschafter noch zum Besten, als er sich verabschiedet: „Großmächte müssen bescheiden bleiben.“

Quelle: Unsere Zeit

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