Übernommen von KOMintern:
Frankreich steht zurzeit ganz im Zeichen der Schülerproteste gegen die verheerenden Zustände im neoliberal zugrunde gewirtschafteten Bildungswesen der Grande Nation, zumal in den Banlieues, die die Schüler der Grande Nation auf die Barrikaden gehen lässt. Das politische Personal des bald abdankenden neuen „Sonnenkönigs“ unter dem Eifelturm, Emmanuel Macron, reagiert mit massiver Polizeigewalt, Massenverhaftungen tausender Jugendlicher, Rassismus und Verleumdungen – unterstützt und befeuert von der Rechten des Landes. Und während sich die Regierung außerstand sieht für das kaputte Bildungswesen Finanzmittel locker zu machen und Premier auf Geheiß der Finanzmärkte und Maastrichter Verträge geradeein massives Sparpaket in Höhe von 54 Mrd. Euro vorlegte (insgesamt sind Einsparungen in exorbitanter Höhe von 140 Mrd. Euro geplant), liegt Frankreich in seinen Rüstungsausgaben (die heute bei mehr als dem Doppelten zu Macrons Amtsantritt liegen) auf Platz 9 des Weltranking und schraubt sie weiter entschlossen hinauf.

Unter gewerkschaftlichem Blickwinkel ermutigend und zu Österreich unvergleichlich, ist indes die Haltung der Gewerkschaften, die sich, allen voran die CGT, ebenso wie die Linksparteien LFi und PCF aktiv an die Seite der Schüler stellen, sich an den Demonstrationen mitbeteiligen und sich immer wieder zwischen diese und die Polizei schoben und schieben, um der schockierenden Polizeigewalt und den Repressionen gegen die zumeist noch Minderjährigen entgegenzutreten. Da für kommenden Dienstag zum dritten Aktionstag aufgerufen ist, übernehmen wir – stark gekürzt – den überaus informativen Kommentar von Bernhard Sander.
Zwei Jugendlichen wurde bei den Schüler*innenprotesten in Frankreich durch den Einsatz von polizeilichen Zwangsmitteln eine Hand abgerissen. Der Betrieb an 589 der insgesamt rd. 3.600 Bildungseinrichtungen ist beeinträchtigt, mit jedem Tag sind es mehr geworden. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Forderungen nach besserer Ausstattung, besseren Lernbedingungen und die Abschaffung von „Parcoursup“, der automatisierten Plattform für die Vergabe von Studienplätzen.
Gab es überhaupt einen „richtigen Zeitpunkt“ für den Dialog mit der Schülerschaft wie die Tageszeitung Le Monde insinuierte? Oder ist nicht vielmehr die Frage nach dem jahrelangen „Kaputtsparen“ des Bildungssystems zu stellen? (…)
Am 6. Oktober (gab) es einen landesweiten Protesttag von Lehrkräften und Schüler*innen. Ein Gewerkschaftsverbund des Bildungswesens (FSU, CGT, FO, CFDT, UNSA, SUD) (rief) zur Teilnahme auf, „auch durch Streiks“. Mit der Unterstützung der Berufsverbände erreicht die Bewegung eine neue Qualität. Die Gewerkschaften können die jungen Demonstranten*innen dank ihrer Ordnungsdienste begleiten, sie schützen und Ausschreitungen sowie Gewalt so weit wie möglich verhindern. Sie werden aber auch ihre eigenen Mitglieder mitbringen, wodurch die Mobilisierung, die bisher verstreut und ohne echte Koordination war, automatisch an Dynamik gewinnt.
Den Kern des Problems hat noch am ehesten der ehemalige erzkatholische Präsidentschaftskandidat Philippe de Villiers berührt, als er kommentierte: „Die eine Jugend zündet Kerzen an, die andere Schulen.“ Das rechte Frankreich jubelte gerade noch über den Papstbesuch mit 80.000 Jugendlichen im nationalen Sporttempel Stade de France. Man würdigte den zeremoniellen Auflauf der Le-Pen-Familie und des Petain-Verehrers und rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Eric Zemmour (beide Anhänger der Pius-Bruderschaft) als Indizien einer sich anbahnende rechten Zivilität und Union. Auch die französische Presse erging sich im Lobpreis über die Wiederbelebung der zerrissenen Nation im Glauben.
Die Schüler*innen selbst formulierten allerdings klar,dass die politische Klasse über radikalste und effektivste Form der Zugangskontrolle der Social Media, Handyverbot und entsprechende bauliche Nachbesserungen debattiere, während seit der Coronakrise und in der Gluthitze des vergangenen Sommers immer noch keine Klimatisierung der Schulgebäude in Aussicht sei.
Die Zeitschrift Politis sieht darineinen Beweisfür ein allgemeineres Unwohlsein einer Generation, die sehr besorgt sei über den nationalen und internationalen Kontext und zitiertdie um sich greifenden Wut: „Erwachsene halten uns für Idioten. Wir haben Forderungen, wir sind keine Kinder!Sie geben 6 Milliarden Euro für das Militär, aber keinen Cent für die Vorstadtschulen. Wach auf!“
Das ist allerdings nur für einen Teil der Kinder und Jugendlichen ein Problem. Rund ein Fünftel der Schüler*innen im Sekundarbereich geht nämlich auf staatlich subventionierte Privatschulen, in Paris sind es etwa 40% der Sechstklässler. Der größere Teil dieser Bildungsinstitute sind katholisch geprägt. Hier rekrutieren konservative und rechtsradikale Kreise ihre Kader und Demonstrierenden, wenn es gegen „Homo-Ehe“, Selbstbestimmtes Sterben und Schwangerschaftsabbruch geht. Es gibt auch ein paar muslimische Schulen dieser elitären Art. Im Grundschulbereich liegt der Anteil der Privateleven bei etwa 15%. Hier zündet die Jugend Kerzen an.
Update KOMintern: „Aufsehen erregte aber am Donnerstag eine Demonstration vor dem Institut catholique de Paris. Die Studierende dieser bestens ausgestatteten privaten Fakultät, die sich bislang nie an solchen Mobilisierungen beteiligt hatte, erklären sich solidarisch mit ihren Gleichaltrigen in den öffentlichen Schulen, die wegen ihrer verschlechterten Studienbedingungen rebellieren. Auch sie sagen, sie wollten es nicht hinnehmen, dass die Staatsführung die Minderjährigen nicht ernst nehme.
Auf ihren Schildern stand unter anderem ‚Catho, mais pas facho!‘ Nur, weil ihre Universität eine katholische Privatschule ist, seien sie noch lange keine Faschisten, möchten sie damit klarstellen. Damit distanzierten sie sich auch von einer extremen Rechten, die auf harte Repressionen zur Wiederherstellung der Ordnung drängt.“ (aus: taz vom 8.10. 2026)
Die Vertreter der unterschiedlichen rechten Parteien sind sich im Grundsätzlichen einig: Die Familien sind schuld. Die Forderungen sind also klar: Streichung des Kindergeldes für straffällige Kinder (Zemmour), zivilrechtliche Haftung für Schäden (Justizminister Gérald Darmanin) und Hausarrest vor angekündigten Demonstrationen (Bildungsminister Eduard Geffray).
Ein auffälliges Merkmal dieser Mobilisierung, das wahrscheinlich nicht genug betont werden kann, ist die Nähe zur „klassischen Politik“, wenn auch autonom von jeder etablierten politischen Struktur. Die gewählten Amtsträger*innen, die zu den Blockaden gehen, werden gut behandelt, ja sogar gefeiert. Während seit Jahren der Diskurs von einem Bruch zwischen jungen Menschen und Politik, einem Bruch zwischen Arbeitervierteln und Politik, weit verbreitet ist, senden diese Mobilisierungen eine völlig gegenteilige Botschaft.
Der Innenminister lässt den Inlandsgeheimdienst ein Dossier erstellen, nach dem „La France Insoumise und seine Proxys“ die „urbane Gewalt“ angezettelt hätten. Es handelt aber keineswegs um Berufsrevoluzzertum, sondern es geht um die fehlende Aussicht auf ein (angemessenes, KOMintern) Leben. (…)
Die Zeitschrift Politis zitiert einen Soziologen, der auf das Neue der Bewegung hinweist: „Was von Schüler*innen und Mitarbeiter*innen hervorgehoben wird, ist nicht mehr der traditionelle ›Mangel an Ressourcen‹, sondern der Zusammenbruch der Aufenthaltsbedingungen an Schulen, in denen die überwiegende Mehrheit der Kinder aus Familien aus den früheren Arbeitervierteln unterrichtet wird. Die Hauptforderungen sind jene der Gleichbehandlung, formuliert aus der Perspektive und aus einer besonderen Erfahrung von Ungleichheit, wobei die soziale Identität der Arbeiterviertel beansprucht wird …“ (…)
Das zweite Thema im Hintergrund der Schülerstreiks sind … die begonnenen Haushaltsberatungen. Nicht die sechs Mrd. Euro, die Macron und sein Ministerpräsident den Rentner*innen durch Einfrieren des Inflationsausgleichsindex wegnehmen will, lösen Krawall aus, sondern die anhaltend schlechte Finanzausstattung des Bildungswesens. Durch wiederholte Nullrunden im Öffentlichen Dienst ist auch der Pädagog*innen-Job so unattraktiv geworden, dass trotz Stellenstreichungen immer mehr Lehrer*innen fehlen (…) Allerdings konnte Macron den zu Beginn seiner ersten Amtszeit angekündigten Stellenabbau nie durchsetzen. (…)
Quelle: KOMintern

