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Wenn Gewalt Männer verbindet

Übernommen von DiEM25:

(Content warning: sexuelle Gewalt, Missbrauch)

Der Fall an der Cornell University wirft wieder eine verstörende Frage auf: Kann Gewalt zu einem Mittel werden, um untereinander Nähe, Anerkennung und Zusammenhalt herzustellen und wie wirkt sich das auf unsere Institutionen und Gesellschaft aus?

Im Fall Cornell wirft eine ehemalige Studentin sieben Mitgliedern der Verbindung Chi Phi vor, sie im Oktober 2024 nach einer mutmaßlichen Betäubung über Stunden sexuell missbraucht zu haben. Einer der Beschuldigten soll weitere Männer über einen Gruppenchat herbeigerufen haben. Die Vorwürfe sind Gegenstand einer Zivilklage und bisher nicht rechtskräftig festgestellt; die Beschuldigten bestreiten die Anschuldigungen.

Strafrechtlich kam es bislang zu keiner Anklage. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft reichten die Ermittlungsergebnisse nicht für ein Strafverfahren aus. Universitär wurden die Verbindung und die sieben Studenten zunächst suspendiert. Nach Darstellung der Klägerseite wurden später jedoch nur zwei Männer von Cornell ausgeschlossen, während andere geringere Sanktionen wie kurze Suspendierungen, Workshops oder das Verfassen von Aufsätzen erhielten.

Für die Betroffene hatte der Vorfall dagegen weitreichende Folgen: Sie verließ Cornell und berichtet weiterhin von den psychischen Auswirkungen. Ihre Klage richtet sich deshalb nicht nur gegen die sieben Männer, sondern auch gegen die Universität und die Verbindung. Sie wirft ihnen vor, die Gewalt nicht verhindert und anschließend nicht angemessen reagiert zu haben.

Der Fall macht eine auffällige Ungleichheit sichtbar: Die Betroffene verlor ihr Studium, ihr soziales Umfeld und ihr Sicherheitsgefühl, während die mutmaßlichen Täter keiner strafrechtlichen Verantwortung unterliegen und teilweise nur mit internen Hochschulmaßnahmen konfrontiert waren. Genau darin liegt eine zentrale gesellschaftliche Frage: Warum werden die Folgen für die Betroffene so umfassend, während die Konsequenzen für die mutmaßlichen Täter und die Institution begrenzt oder unsichtbar bleiben?

Der Fall weist auf ein Muster auf, das über Cornell hinausgeht. Es geht nicht nur darum, was einzelne Männer getan haben. Es geht auch um Zuschauer, Mitwisser, Anfeuerer und Institutionen. Wer Gewalt beobachtet, darüber schweigt, sie filmt, verbreitet oder Täter vor Konsequenzen schützt, ist Teil einer sozialen Struktur, in der, der weiblich gelesene Körper zum Mittel männlicher Vergemeinschaftung wird.

Männer können sich durch Vertrauen, Fürsorge und gemeinsame Verantwortung verbinden. Sie können sich aber auch durch gemeinsame Grenzüberschreitungen zusammenschweißen. Dann erzeugt Gewalt ein Gefühl von Komplizenschaft: Die Beteiligten teilen ein Geheimnis, schützen einander und beweisen ihre Loyalität gegenüber der Gruppe – auf Kosten der körperlichen Selbstbestimmung eines anderen Menschen. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele:

Ein Aachener Fall macht diese Verbindung von Gewalt, digitaler Verbreitung und männlicher Gemeinschaft besonders deutlich. Ein 61-jähriger Mann wurde im Dezember 2025 zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er seine Ehefrau über Jahre heimlich betäubt, vergewaltigt und die Taten gefilmt hatte. Die Aufnahmen stellte er in Gruppenchats und auf Internetplattformen anderen Nutzern zur Verfügung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Körper seiner Frau wurde damit nicht nur zum Ort individueller Gewalt. Er wurde zugleich zum Material für ein digitales Publikum und zu einem möglichen Tauschmittel innerhalb männlicher Netzwerke. Die Tätergemeinschaft entsteht nicht erst durch die gemeinsame unmittelbare Tat. Sie entsteht auch durch das Anschauen, Kommentieren, Weiterverbreiten, gegenseitige Bestätigen sowie durch das Schweigen zur Gewalt.

Digitale Netzwerke machen dieses Muster sichtbar. In Telegram-Gruppen teilten Männer Anleitungen und Aufnahmen sexualisierter Gewalt, tauschten sich aus und bestätigten sich gegenseitig. Im Fall Pelicot wurden Frauen zum Gegenstand eines männlichen Netzwerks, in dem Täter gemeinsam handelten und ihre Gewalt wurde durch die Beteiligung anderer normalisiert.

Auch der Fall aus Soest zeigt, wie eng patriarchale Gewalt mit sozialer Ausgrenzung und männlicher Komplizenschaft verbunden sein kann. Eine wohnungslose Frau soll dort über Monate von vier Männern festgehalten, misshandelt und vergewaltigt worden sein. Die Männer sollen ihre prekäre Lage ausgenutzt und sie mit dem Versprechen von Essen und Unterkunft in ihre Abhängigkeit gelockt haben. Erst als ein Nachbar sie halbnackt und gefesselt auf einer Terrasse entdeckte, wurde sie befreit. Der Prozess vor dem Landgericht Arnsberg soll am 12. Oktober 2026 beginnen.

Dieser Fall macht sichtbar, wie eine Frau gleichzeitig als schutzlos und als verfügbar behandelt werden kann. Ihre Wohnungslosigkeit wurde offenbar nicht als Anlass für Hilfe verstanden, sondern als Gelegenheit zur Kontrolle. Wenn mehrere Männer an solchen Taten beteiligt sind, stellt sich erneut die Frage, ob die Gewalt auch eine Funktion innerhalb der Männergruppe erfüllt: gemeinsames Quälen, gemeinsames Schweigen und die gegenseitige Bestätigung von Macht. Der Körper der Betroffenen wird dann nicht nur verletzt, sondern zum Objekt einer männlichen Gemeinschaft gemacht.

Im militärischen Kontext kann Zusammenhalt auf zwei miteinander verbundenen Wegen erzeugt werden: nach innen durch Demütigung und Missbrauch, nach außen durch die Verfügung über die Körper anderer. Neue oder rangniedrige Mitglieder werden in entwürdigenden Aufnahmeritualen geprüft, sexualisiert oder misshandelt. Sie lernen, dass Zugehörigkeit Gehorsam, Härte und die Bereitschaft voraussetzt, Gewalt zu ertragen oder später selbst weiterzugeben. Gleichzeitig wurden Soldaten historisch durch den Zugang zu Frauenkörpern „belohnt“, etwa durch institutionell geduldete Prostitution, sexuelle Ausbeutung oder durch sexualisierte Gewalt gegen die Zivilbevölkerung. Weiblich gelesene Körper erscheinen dabei als Versorgung, Vergünstigung oder Preis für militärische Dienste. Dabei verschwindet die strukturelle Machtungleichheit hinter dem Begriff der Freiwilligkeit. Frauen in der Nähe von Militärbasen waren häufig wirtschaftlich abhängig, durch Armut, koloniale Herrschaft, Menschenhandel oder direkte Zwangsverhältnisse gefährdet. Dass Geld gezahlt wurde, bedeutete deshalb nicht automatisch, dass unter freien und gleichberechtigten Bedingungen zugestimmt wurde.

Studien zur militärischen Sexualökonomie zeigen, dass die lokalen weiblich gelesenen Körper in solchen Systemen zugleich zur Ware, zur Ressource und zum Mittel männlicher Belohnung gemacht werden.

Beide Mechanismen folgen derselben Logik: Die Gruppe erzeugt Bindung, indem sie Körper hierarchisch verfügbar macht. Die eigenen Mitglieder werden unterworfen, damit sie sich der Ordnung fügen; Menschen außerhalb der Gruppe werden sexualisiert, ausgebeutet oder entmenschlicht, damit die Angehörigen der Gruppe ihre privilegierte Stellung erfahren und untereinander teilen können. So entsteht Zusammenhalt nicht durch gegenseitige Fürsorge, sondern durch gemeinsam erlebte, ausgeübte oder geduldete Gewalt. Wer die Demütigung überlebt oder an anderen vollzieht, erhält Zugang zur Gemeinschaft – und wer zur Gemeinschaft gehört, kann Zugang zu den Körpern anderer beanspruchen. Es zeigt, wie eine Institution Zusammenhalt pervertieren kann, indem sie die Unterwerfung der Schwächeren nach innen und die Verfügbarkeit anderer Körper nach außen organisiert.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wer hat die Tat begangen? Wir müssen auch fragen: Wer hat zugesehen? Wer hat geschwiegen? Wer hat den Raum geschaffen? Wer hat die Täter geschützt? Und warum wird der Ruf einer Institution so häufig höher bewertet als die Sicherheit und Glaubwürdigkeit der Betroffenen?

Patriarchale Gewalt wird nicht allein durch einzelne „Monster“ ermöglicht. Sie wird auch durch Männerbünde, digitale Gruppen, institutionelle Loyalität und einen patriarchalen Verständnis von Kameradschaft getragen, das Solidarität mit Schutz vor Konsequenzen verwechselt. Der weiblich gelesene / marginalisierte Körper wird dabei zur Ressource: Er dient Männern als Bühne, auf der sie Dominanz, Mut und Zusammenhalt inszenieren.

Wir brauchen deshalb eine andere Vorstellung davon, was männlicher Zusammenhalt bedeutet: nicht das gemeinsame Schweigen, nicht die Verteidigung der Gruppe um jeden Preis und nicht die Verfügbarkeit fremder Körper, sondern den Mut, einander zu widersprechen, Gewalt zu stoppen und Verantwortung zu übernehmen. Denn Kameradschaft zeigt sich nicht darin, wer am meisten aushält oder wen eine Gruppe gemeinsam beherrschen kann, sondern darin, wer bereit ist, die eigene Gruppe zur Rechenschaft zu ziehen.

 

 

 

 

 

 

 

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Quelle: DiEM25

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