Übernommen von Unsere Zeit:
Die Gräuel des Kolonialismus sind ein fester Bestandteil von Geschichte und Gegenwart des Weltfußballs. Lange Zeit blieb vielen Ländern des globalen Südens eine Teilnahme an den Fußball-Weltmeisterschaften systematisch verwehrt. Neokoloniale Machtverhältnisse dauern bis heute an und lassen sich ebenso bei der vor wenigen Tagen gestarteten WM in Mexiko, Kanada und den USA feststellen. Es war also längst überfällig, eine Geschichte dieses Turniers vorzulegen, die nicht nur die antikolonialen Kämpfe von Teilnehmernationen berücksichtigt, sondern eine dekoloniale Perspektive auf Denkstrukturen und institutionelle Machtgefüge bietet, die dem eurozentrischen Fußball weiterhin innewohnen.
Anhand dieser (neo-)kolonialen DNA zeigen die Autoren Carlos Gomes und Glenn Jäger ihre „andere“ Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft. Das Buch gliedert sich inklusive Vorwort in 24 Abschnitte. Zu Beginn jedes WM-Kapitels bietet eine Tabelle Überblick über die Teilnehmer je Kontinent. Was diese „einfachen“ Zahlen offenlegen, ist eine Statistik der Schande, die bis in das Hier und Jetzt reicht. Häufig wurden die wenigen Startplätze für den globalen Süden mit der „mangelnden Reife“ des asiatischen beziehungsweise afrikanischen Fußballs begründet. Dem entgegnen Gomes und Jäger die richtige Frage: „Hatte der Kolonialismus nicht zur Folge, dass nationale Fußballverbände überhaupt erst mit der formalen Unabhängigkeit vieler Länder entstanden?“. Sie legen damit ein Thema offen, das schon der marxistische Historiker und Panafrikanist Walter Rodney in ähnlicher Weise in seinem Buch „Wie Europa Afrika unterentwickelte“ aufgriff.
Im Buch haben Gomes und Jäger eine rein chronologische Abhandlung vorgenommen. Ein Vorteil dieser Vorgehensweise liegt in der umfassenden Darstellung aller Weltmeisterschaften seit 1930. Gleichzeitig lädt die chronologische Struktur jedoch nur bedingt zu einem linearen Lesen des Buches ein. Vielmehr wird es als Nachschlagwerk für einzelne Turniere fungieren. So erfährt der Leser beispielsweise etwas über die geringe europäische Teilnehmerzahl bei der ersten WM in Uruguay. Damals war die Reise mit dem Schiff zurückzulegen und die vielen Amateurspieler mussten zwei Monate für ihre Turnierteilnahme einplanen. Der Leser lernt außerdem etwas von den Boykotten gegen Israel während der WM-Qualifikation für das Turnier in Schweden 1958, als Ägypten unter Gamal Abdel Nasser zum Unmut des Westens die Suezkanal-Gesellschaft verstaatlichte. Der Suez-Krieg war die Folge. Ebenso erhält der Leser einen Einblick in den Boykott afrikanischer Teams bei der WM 1966 in England, denen kein einziger direkter Startplatz zugestanden wurde. Wegbereiter des Boykotts war der erste Präsident Ghanas und zentrale Vordenker des Panafrikanismus, Kwame Nkrumah. Der antikoloniale Aufbruch jener Zeit schmeckte den wenigsten und wie stets spielte die BRD dabei eine unrühmliche Rolle: So lobte Franz Josef Strauß vor dem Turnier im Mai 1966 die Apartheidpolitik Südafrikas.
Gomes und Jäger haben die Archive durchforstet und ein Werk geschaffen, das mit seiner antikolonialen Perspektive auf das Turnier ein Alleinstellungsmerkmal vorweist und das Repertoire der WM-Geschichtsbücher nachhaltig erweitern wird. Doch wie so häufig ist es insbesondere die Gegenwart, über die am heftigsten gestritten wird. Zwar konstatieren die Autoren, dass gleich drei BRICS-Staaten mit Südafrika (2010), Brasilien (2014) und Russland (2018) in Folge das Turnier ausrichteten, doch spiegelt sich darin wirklich „die Herausbildung einer multipolaren Welt“ wider? Spätestens Katar (obschon zuverlässig an der Seite des Kriegsbündnisses NATO) sollte in der kritischen Betrachtung von Fans und Weltöffentlichkeit anderes aufzeigen. All dies beschließen Gomes und Jäger in den letzten Kapiteln zu ebendieser WM in Katar (2022) sowie Mexiko, Kanada und USA (2026) mit Blick auf die Doppelstandards, die den Weltfußball und die Debatte darum prägen. Wenn abschließend ein tiefgründiger Einblick in die engmaschige Verstrickung des israelischen Fußballs in den Genozid in Gaza geboten wird und auf de unterschiedlichen Maßstäbe, die beim Ausschluss Russlands anders als beim israelischen Fußballverband angelegt wurden, so zeigt das im Grunde auch auf, dass westliche Perspektiven im Fußball weiterhin dominieren. Diese Perspektiven gilt es dekolonisieren.
Carlos Gomes / Glenn Jäger
Griff nach Gold
Die andere Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft
PapyRossa Verlag, 415 Seiten, 28 Euro
Erhältlich unter uzshop.de
Quelle: Unsere Zeit

