Übernommen von Unsere Zeit:

Zuletzt lag er in Köpenick in der Klinik. Das Ende war absehbar, und er ordnete die letzten Dinge. Bei der Abschiedsfeier in der jW-Ladengalerie solle der und der reden, danach gebe es Rotwein für alle auf seine Kosten, und gut. „Und das Schlusswort sprichst du.“ Ich wehrte ab. „Kurt, das letzte Wort spricht die Geschichte.“ Pätzold lächelte hintersinnig und griff zum Umbruch seines Textes, der vermutlich sein letzter sein würde. Ob das Druckwerk noch zu Lebzeiten erscheinen würde, auch wenn wir uns sputeten, war fraglich.
Sein vorletztes Buch war herausgekommen, als er ins Hospital einzog. Er war schon immer sehr produktiv gewesen. Als das Ende absehbar war, war er es noch um einiges mehr. Der Band hieß „Faschismus-Diagnosen“ und versammelte 62 Texte von 26 Autoren – von Hanna Arendt über Max Horkheimer und Leo Trotzki bis hin zu Clara Zetkin. Die Äußerungen stammten zumeist aus den 1920er und 1930er Jahren. Der Historiker Pätzold zeigte mit dieser Kollektion die Positionierung von Politikern und Publizisten, Wissenschaftlern und anderen engagierten Antifaschisten zum „Faschismus“, dieser damals neuen Bewegung. Er demonstrierte das individuelle und kollektive Ringen um eine Analyse der Ursachen dieses gesellschaftlichen Phänomens und dessen Wesen. Das war keine akademische Flohknackerei, sondern die Suche nach Wegen, wie dem Faschismus beizukommen war. Bevor es zum Krieg kam.
Dass die in fast allen europäischen Staaten wuchernde Bewegung der Nationalisten, Militaristen, Chauvinisten, Antisemiten und Antidemokraten etwas mit dem Charakter der Gesellschaft zu tun hatte, machte nicht erst Max Horkheimer 1939 bewusst. Der sechs Jahre zuvor in die USA emigrierte jüdische Sozialphilosoph benannte – in dialektischer Umkehr – den Kern: „Wer von Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“
Es handelte sich keineswegs um einen Betriebsunfall, eine zufällige Entgleisung, wenn Faschisten in Regierungsverantwortung gelangten, es lag nicht daran, dass die bürgerliche Demokratie sich nicht ausreichend gewehrt hatte gegen den Ansturm der Extremisten. Darauf hatte schon 1934 Raja Palm Dutt aufmerksam gemacht: „Faschismus hat niemals in irgendeinem Lande die Macht ergriffen. In jedem Fall wurde der Faschismus durch die bürgerliche Demokratie von oben an die Macht gebracht.“ Der marxistische Theoretiker Dutt – übrigens der meistgelesene englischsprachige Kommunist des 20. Jahrhunderts – hatte in seiner Untersuchung „Fascism and Social Revolution“ dafür eine überzeugende analytische Begründung geliefert, dass es keineswegs Irre waren, die sich in den Korridoren der Macht verirrt hatten.
Der Faschismusforscher Pätzold hatte diese Textstellen aus seiner sehr umfangreichen Bibliothek in der Berliner Neuen Krugallee herausgesucht, um zu demonstrieren, dass nicht erst nach Zerschlagung der Hitlerdiktatur das Nachdenken über Ursachen und Fehler begonnen hatte. Er wollte zudem, im Wissen um den fortschreitenden Niedergang theoretischen Wissens, insbesondere junge Menschen – er selbst hatte viele Jahre als Professor gelehrt – anregen, sich mit den Originaltexten zu beschäftigen. Man muss nicht alles neu erfinden: Vieles war schon gesagt, geschrieben und gedruckt, was unverändert Gültigkeit besitzt.
Den Texten vorangestellt hatte Pätzold eine sehr erhellende Einleitung, in der er natürlich die offensichtlichen Bezüge zur Gegenwart einflocht. Auch jene Begebenheit, die sich erst wenige Jahre zuvor an seiner früheren Wirkungsstätte, der Humboldt-Universität, zugetragen hatte. Sie hätte sich vermutlich an allen anderen deutschen Universitäten so zutragen können. In einem Seminar war den Geschichtsstudenten aufgetragen worden, „Texte des Publizisten und Antifaschisten Carl von Ossietzky zu lesen, den die deutschen Machthaber in ihren Folterlagern zu Tode schinden ließen und der als Friedensnobelpreisträger nur zum Sterben aus ihnen entlassen worden war“. Als man sich wieder traf, habe eine Teilnehmerin gefragt, „ob dieser Ossietzky ein Kommunist gewesen sei, und erklärte auf die Gegenfrage, wie sie darauf käme, Ossietzky schreibe doch Faschismus, also nicht Nationalsozialismus, wie es die Studentin in ihren Schulgeschichtsbüchern und immer wieder in Zeitungen gelesen und in Rundfunk und Fernsehen gehört hatte“. Pätzold kommentierte dieses offenherzige, aber gewiss zutreffende Bekenntnis mit den Worten: „Der Begriff Faschismus ist in den Jahrzehnten nach dem bewaffnet erzwungenen Ende des Regimes offenkundig aus Deutschland, genauer aus Deutschland-West, erfolgreich deportiert worden. Die Erscheinung heißt wieder so, wie ihre Akteure sie einst tauften: Nationalsozialismus.“
Pätzold setzte sich in seinem Text, durchaus mit einem Anflug von Selbstkritik, mit der Tatsache auseinander, dass es insbesondere den Kommunisten – auch später – schwerfiel, anzuerkennen, „dass sich Millionen von Werktätigen zu verlässlichen Gefolgsleuten der Faschisten gemacht hatten oder sich zu deren Instrumenten machen ließen. Wo die zutage liegende Tatsache erwähnt wurde, schrieben Antifaschisten sie den Lügen der faschistischen Demagogen zu, den raffinierten Erzeugern von Irrungen und Verwirrungen im Massenbewusstsein und Massenverhalten.“ Damals, also vor zehn Jahren, hatte die AfD noch nicht diesen Zuspruch wie heute, doch Pätzold würde, lebte er noch, deren gegenwärtige Wählermassen kaum als Resultat besonders großer Verführungskünste bezeichnen. Wir haben die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft nicht verlassen, es wirken die gleichen Mechanismen, die seinerzeit die kritischen Geister analysierten …
Am 18. August ist es zehn Jahre her, dass der Faschismusforscher Kurt Pätzold starb. Aus diesem Anlass gab der Deutsche Militärverlag-Antikriegsverlag die „Faschismus-Diagnosen“ neuerlich heraus. Pätzolds Wiener Kollege Gerhard Oberkofler (er wurde am 3. August 85 Jahre alt) steuerte einen kurzen Nachsatz bei. Darin erinnert er daran, dass „das faschistische Deutschland mit seinem aus Österreich stammenden Führer“ sich „als Speerspitze im Frontkampf des christlichen Abendlandes gegen die kommunistische Bedrohung aus dem Osten verstanden“ habe. Darum der Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, dem dort 27 Millionen Menschen zum Opfer fielen. „Vom deutschen Boden aus werden wieder völkerrechtswidrige Kriege geführt und weitere vorbereitet. In Litauen, wo 1941 der Holocaust begonnen hat, ist seit 2025 eine deutsche Panzerbrigade stationiert.“
Kurt Pätzold
Faschismus-Diagnosen. 1922 bis 1964
62 Texte von 26 Autoren
Deutscher Militärverlag-Antikriegsverlag, Berlin 1926, 145 Seiten, 14 Euro
Erhältlich im UZ-Shop
Quelle: Unsere Zeit

