Übernommen von Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek:
In Erich Maria Remarques weltberühmtem Antikriegsroman »Im Westen nichts Neues« ist es ausgerechnet Gymnasiallehrer Kantorek, der seine Schüler mit patriotischen Predigten dazu anhält, sich freiwillig zum Dienst an der Waffe zu melden und mitzumarschieren. Dabei hätte er doch, wie die Hauptfigur Paul Bäumer bitter feststellt, »Vermittler (…) zur Welt der Arbeit, der Pflicht, der Kultur, des Fortschritts und der Zukunft« sein sollen, keinesfalls Kriegspropagandist des wilhelminischen Imperialismus. Das erste Trommelfeuer an der Front lässt Kantoreks reaktionäre Weltanschauung bei Bäumer und seinen Schulkameraden kollabieren.
Es wäre irrig, zu behaupten, an Luxemburger Schulen herrsche heute Kantoreks Ton. Im Gegenteil, das Lektüreprogramm bleibt geprägt von antimilitaristischer und antifaschistischer Literatur. Wozu also Remarque zitieren? Nicht, um eine anachronistische Gleichsetzung mit der »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts zu erzwingen, sondern um zu zeigen, wie sich die militaristische Einschwörung im wilhelminischen Deutschland als logische Konsequenz einer langen Vorgeschichte erwies: Aufrüstung, Überlegenheitsideologie, imperiale Interessen und die zunehmende Gewöhnung an militärische Einsatzbereitschaft als gesellschaftliche Tugend zielten letztlich auf »Kriegstüchtigkeit« der Jugend ab.
Umso wachsamer sollte man sein, wenn heute – unter anderen historischen Bedingungen – militärische Kategorien normalisiert werden. NATO und EU haben ihre Aufrüstungspolitik massiv beschleunigt, Feindbilder und Bedrohungsszenarien prägen zunehmend den politischen Diskurs, wobei Luxemburg sich bereitwillig einreiht. Bis 2035 sollen fünf Prozent des RNB für »Verteidigung« aufgebracht werden. Dazu bedarf es viel Personal. Die Armeeministerin hat die Rekrutierung zur Priorität erklärt: 700 bis 800 zusätzliche Kräfte sollen gewonnen, neue Laufbahnmodelle kreiert und der Kreis potentieller Soldaten durch die Schaffung einer Reservetruppe erweitert werden. Die Werbung hierfür hat längst den gesellschaftlichen Alltag erfasst: Army Boot Camps für 16- bis 20-Jährige, das Jugendprojekt »Loftkadetten« für 14- bis 16-Jährige, Präsenz auf Festivals, Info-Tage der Armee und Informationsstände in Schulen gehören zum Instrumentarium.
Dieses Anschmiegen an die Jugend – gerade im Rahmen von Sekundarschulformaten – sollte sämtliche Holzaugen wachsam werden lassen. Schule soll junge Menschen auf ihre Zukunft vorbereiten, ihnen Orientierung bieten und Berufsmöglichkeiten näherbringen. Wer es mit dem »Nie wieder« der hoffnungsvollen Nachkriegszeit ernst meint, muss jedoch dort eine Grenze ziehen, wo militärische Rekrutierung und die Gewöhnung an kriegerische Einsatzbereitschaft beginnen. Militärisches und Militaristisches haben im schulischen Raum nichts verloren – weder im Gewand des patriotischen Kantorek-Pathos von 1914 noch in demjenigen des glatten, postmodernen Duktus unserer Tage.
Luxemburg besitzt keine ausgeprägte militaristische Tradition. Die lange Neutralitätsvorgeschichte und vor allem die bitteren Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs mit Besatzung und Zwangsrekrutierung haben daran ihren Anteil. Umso bemerkenswerter ist, wie selbstverständlich nun versucht wird, das Militärische gesellschaftlich aufzuwerten und als Bestandteil einer vermeintlich alternativlosen neuen Normalität zu verankern.
Aufgeklärte Pädagogik umfasst Friedensarbeit. Die Lehren des 20. Jahrhunderts sollten darin bestehen, militärische Logik nicht zur gesellschaftlichen Normalität werden zu lassen. Wer es mit dem »Nie wieder« ernst meint – ob in der Friedensbewegung, in Gewerkschaften oder in linken Parteien –, muss hier eine rote Linie ziehen. Dass die Kommunisten immer wieder daran erinnern, ist kein Zufall – es ist marxistische Pflicht. Ein kommunistisches Monopol sollte es aber nicht bleiben.
Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

