Übernommen von Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek:
Aktuell finden rund um das Bahnhofsviertel der Stadt Luxemburg wieder mal absurde Debatten statt. Der hauptstädtische Schöffenrat wird nicht müde zu betonen, es könne die Zürcher Drogenpolitik nicht nachmachen, während die Opposition genau das verlangt. Das ist ein Scheingefecht, das wenig mit der Realität zu tun hat.
Zunächst einmal fehlt da jede Analyse. All diesen Befürwortern des real existierenden Kapitalismus ist offensichtlich nicht bekannt, daß in diesem System jede kaufkräftige Nachfrage, die profitabel befriedigt werden kann, auch befriedigt wird. Es hat noch keine Gesellschaft ohne Droge gegeben, wobei heute das Problem insofern neu ist, als viele Drogen, nicht nur die gesellschaftlich anerkannten, nachgefragt werden.
Aus der Prohibition in den USA müßte gelernt worden sein, wie wenig Verbote bringen. Die hat allerdings der Mafia geholfen, stark und mächtig zu werden.
Das aktuelle Verbot von Drogen jenseits von Alkohol, Nikotin und Psychopharmaka funktioniert genau so wenig und hat zu Lieferstrukturen außerhalb der üblichen Handelsstrukturen geführt. Es ändert sich daran nichts, wenn das Etikett »kriminell« drauf geklebt wird und das Verkaufspersonal auf der Straße von der Polizei gejagt, verjagt und verhaftet wird. In der Zeit, als ein gewisser Lindenlaub Polizeidirektor in der Stadt war, sagte dieser immer wieder, wenn die Politik von ihm verlange, alle Dealer festzunehmen, müßten sie ein riesiges Gefängnis bauen, weil in Nigeria noch 40 Millionen sind, die bereit sind, übermorgen für diesen Job in Luxemburg anzutreten. Das hat der Stadt-Schöffenrat wie die Regierung leider vergessen.
Verhaftete Dealer werden durch neue ersetzt; dieses Verkaufspersonal gibt es schließlich seit Ende des Zweiten Weltkriegs im Stadtluxemburger Bahnhofsviertel. Beschlagnahmte Ware führt nur zu kurzzeitiger Verteuerung, womit der Verlust wettgemacht wird. Erreicht wird damit nichts, weil sich dadurch die profitabel zu befriedigende kaufkräftige Nachfrage nicht ändert.
Drei Kundengruppen
Es hilft auch nichts, wenn man sich auf die meist relativ Herabgekommenen konzentriert, die sich um den Drogenkonsumraum des Abrigado versammeln, nachdem sie ihre Drogen im Bahnhofsviertel beim dortigen Verkaufspersonal erstanden haben. Das müssen sie tun, auch wenn das das Stadtbild für brave Kleinbürger stört, denn im Konsumraum darf nichts Illegales verkauft werden. Dürfte das dort geschehen, müßten die als krank bezeichneten Süchtigen nicht zuerst in den Straßen des Bahnhofsviertels nach ihrem Dealer suchen.
Die würden damit aber dort nicht verschwinden, denn es gibt hierzulande weitere Konsumenten illegaler Drogen, die weniger auffallen, weil sie respektabel gekleidet sind und respektablen Berufen nachgehen.
Da haben wir Teile des Bildungsbürgertums das abends vorm Schlafenzugehen, um vom Stress runterzukommen, sich eine »lustige Zigarette« drehen. Die müssen ihr Cannabis schließlich wo kaufen, denn die wenigsten werden vier Pflanzen zu Hause kultivieren, die den Augen der Nachbarschaft wie ihrer Kinder entzogen sein müssen. Diese Leute werden sicher nie Probleme mit ihrem Drogenkonsum bekommen, deutlich weniger jedenfalls wie jene, die dafür jeden Abend drei große Bier kippen
Dann haben wir gewisse Politiker und vor allem viele der Devisen-, Derivate- und Aktienhändler auf dem Finanzplatz, die Kokain schnupfen, um mit ihrem Streß fertig zu werden. Das sind die, die mit den großen Autos nach ihrem Drogenverkäufer im Bahnhofsviertel suchen. Um die da weg zu bekommen, wurden die Autos aus der Alten Avenue verdrängt und der Ausgang aus der Straßburger Straße in die Neue Avenue wurde verstopft. Das aber änderte an der Nachfrage nichts, es erschwerte nur die Zufahrt zum Verkaufspersonal. Weil es um eine gesetzlich untersagte Nachfrage geht, führte das nicht zu Beschwerden der Betroffenen.
So lange Cannabis und Kokain nicht frei erhältlich werden für Erwachsene, zum Beispiel in Apotheken, wird also das Drogenverkaufspersonal nicht verschwinden. Es kann sich das höchstens verschieben von einer Straße in eine andere. Denn die beiden letztgenannten Gruppen sind nicht mit Entzugsprogrammen und mehr Plätzen für einen Entzug wie in Manternach vom illegalen Drogenkonsum zu entwöhnen. Sie sind auch nicht mit »housing first«-Wohnungen von der Straße zu bringen, denn sie haben Beruf, regelmäßiges gutes Einkommen und Wohnung.
Das alles macht nur Sinn für die erste Gruppe, wobei es nie zu verhindern sein wird, daß Kundschaft von dort, wo es kein Angebot gibt, in die Hauptstadt kommt, wo es das Angebot gibt. Das ändert sich auch nur bedingt mit weiteren kleineren Drogenkonsumräumen im Land, was zumindest begriffen worden sein müßte, nachdem es einen solchen in Esch/Alzette doch schon einige Zeit lang gibt. Es ist halt für kaufwillige Kundschaft aus anderen Landesteilen wie aus der Großregion sinnvoller in die Stadt Luxemburg zu kommen, wo man sicher fündig wird.
Wer das Problem illegaler Drogen mit Polizei und Repression lösen will, wird scheitern. Grüne Marsmännchen, die der Schöffenrat bezahlt, sind auch nur für die Galerie. Wirkliches »housing first« und mehr Therapieplätze für die Besucher des Abrigado, das endlich genug Personal bezahlt bekommen sollte, um rund um die Uhr das ganze Jahr offen zu sein, wären optimal, aber das wird leider nicht wirklich angestrebt.
Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

