Übernommen von Unsere Zeit:

Tag 1. Reinkommen, anstellen, warten, falsche Reha-Klinik. „Ihre ist 50 Meter weiter vorne.“ So.
Tag 1.1. Reinkommen, anstellen, warten, Zimmer entdecken, Cafeteria suchen. Sind die anderen auch so orientierungslos? Nein. Scheinen Profis zu sein.
Tag 2. Platten am Fahrrad. Kein Werk-, kein Flickzeug, kein Hausmeister. Da auch in der Reha kaum Bewegung angeboten wird, war’s das erst mal.
Tag 3. „Ihr Anti-Raucher-Kurs findet leider nicht statt. Die Psychologen wurden alle vor 6 Monaten gekündigt. Die Klinik schließt direkt nach ihrer Reha.“ Wort drauf.

Tag 3.1. Der Laptop geht in die Binsen. Bildschirm schwarz. Einen Fernseher gibt es nicht auf den Zimmern. Goldene Serie, ich hab dich.
Tag 4. Raucherecke. „Was haben ein Neger und ein Fahrrad gemeinsam? Beide funktionieren nicht ohne Kette!“, blubbert der Große, Hagere. Zwei lachen, keiner protestiert. Hat sich für mich dann auch erledigt. Gibt ja an so Gebäuden mehrere Ecken. Nehme ich halt die linke.
Tag 5. Es gibt zweimal täglich neue Pläne für die Behandlungen. Die variieren zwischen „Alles hat sich geändert“ und „Nichts hat sich geändert, aber ich drucke trotzdem alle Zettel neu aus, nur weil ich’s kann“. Ich bin immer dort, wo die Reha gerade nicht stattfindet. Oder zu spät. Oder beides. Wort drauf.
Tag 6. „Hockergymnastik W50“. Was immer das genauer bedeutet (Wiederbelebung 50? Walbespaßung 50?). Zumindest sind alle sehr dick, wir sitzen und strecken abwechseln Arme und Beine. Wer möchte, kann dazu ein- und ausatmen. Ich möchte, weil ich sonst ja sterbe. Komische Wahl.
Tag 6.1. Die syrische Frau aus der Küche, Mitte 50, weiß nicht mehr weiter: „Die Klinik schließt, wir haben keinerlei Informationen, was soll ich nur machen, wenn ich entlassen werde?“ Draußen, in der linken Ecke, zähle ich beim Rauchen Porsche, Maserati, Mercedes, Lamborghini, die vorbeirasen, hier im schönen Bad Nauheim. „Wir haben Geld wie Dreck. Es haben nur die falschen Leute.“ (Heiner Geißler). Isso.
Tag 7. Feste Tischnachbarn. Frau 1: „Morgen gibt es Fleisch.“ Frau 2: „Ich muss noch an meine Wäsche denken.“ Frau 1: „Hoffentlich mit Rosenkohl.“ Frau 2: „… und 14.40 Lymphdrainage.“ Loriot de luxe. 19 lange Tage lang.
Tag 8. Ein älterer Pianist spielt in der Aula. Ich gehe nicht hin. Ein Tischnachbar erzählt später: „Die haben ihm erst heute gesagt, dass die Klinik schließt und es sein letzter Auftritt hier ist. Er hat zwei Stunden auf der Bühne geweint.“ Depressive Kultur für Reha-Opfer. Ganz neuer Ansatz. Wort drauf.
Tag 9 bis 18. Frühstück um 7 Uhr, Mittagessen ab 11.30 Uhr, Abendessen ab 17 Uhr. Zeiten aus der Hölle. Warum soll ich um 6 Uhr aufstehen, um 7 Uhr furchtbares Spülwasser trinken, welches hier „Kaffee“ genannt wird, wenn ich die erste Behandlung um 10.45 Uhr habe? Und warum sieht das Gemüse aus, als hätte es schon einmal jemand gegessen, aber nicht vertragen? Ist „Der Kurs entfällt wegen Krankheit“ das gleiche wie „Heute keine Behandlung wegen Urlaub“, oder dasselbe? Und wo ich jetzt alleine auf einer Ebene mit 50 Zimmern wohne, kann ich nicht doch im Bett rauchen und Wein trinken? Fragen über Fragen.
Tag 19. 10 Uhr. Abschlussgespräch. Der Chefarzt will mich nicht (Auto) fahren lassen, meine Schlafuntersuchung war „mehr als besorgniserregend“. Ich such die versteckte Kamera, aber er meint es ernst. „Yo“, sage ich, „dann halten sie mich mal auf.“ „Ja“, sagt er, „dann schreibe ich in den Bericht, dass sie vorzeitig abgebrochen haben.“ „Schön“, ich nun wieder, „dann schicke ich alle meine Fotos von ausgefallenen Kursen und versprochenen, aber nicht realisierten Angeboten mit einem langen Schreiben – auch über ihr Fehlen in der letzten Woche – an die Rentenversicherung.“ Wir einigen uns auf Unentschieden, ich werde offiziell entlassen.
Tag 19.1. 12.15 Uhr, A45 Richtung Dortmund. Ich weiß nicht, wann ein kaltes Dosenbier jemals so verdammt gut geschmeckt hat. Wort drauf.
Quelle: Unsere Zeit

