Übernommen von Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek:
Die Bewegung der Schüler in Frankreich erreichte am Dienstag dieser Woche mit mehreren Hunderttausend Manifestanten, unter ihnen zahlreiche Lehrer, Studenten, Eltern und Gewerkschafter, ihren bisherigen Höhepunkt und sorgt inzwischen bis weit über die Grenzen Frankreichs hinaus für Aufmerksamkeit und Solidaritätsbekundungen. Auch die KPL ist solidarisch mit der Schülerbewegung in unserem Nachbarland.
Von interessierter Seite wird der Protest allerdings reduziert auf Zusammenstöße zwischen »auf Ordnung bedachten« Polizisten, die sich mit Gummiknüppeln, Tränengas, Granaten mit Reizstoff und Gummigeschossen »verteidigen«, und »aggressiven« Studenten, die angeblich mutwillig alles zerstören, was ihnen in den Weg kommt und sogar »Schulgebäude abfackeln«.
Die rechten und rechtsextremen Parteien und ihre Propagandablätter jubilieren regelrecht und führen die Proteste als Menetekel für das von ihnen herbeigeredete Chaos an, das die Franzosen für die Zukunft zu erwarten hätten, es sei denn, die Rechte würde nach den in sechs Monaten stattfindenden Präsidentschaftswahlen und den anschließenden Wahlen zur Nationalversammlung nicht für Ordnung sorgen dürfen.
Abgesehen davon, dass die Zerstörungen und Brandstiftungen an Schulgebäuden meist das Werk von schulfremden, kriminellen Jugendlichen und Provokateuren waren, lassen sie sich vortrefflich benutzen, um die Schülerbewegung zu diskreditieren sowie von deren Forderungen und vom maroden und desolaten Zustand des Lehrbetriebs und der Infrastrukturen im Schulbereich abzulenken, der sich unter Macron und seinen Regierungen noch einmal drastisch verschlechterte.
Denn worum geht es eigentlich bei den Schülerprotesten?
Die Bewegung hatte ihren Anfang im September mit dem Streik von Lehrern eines Lyzeums in der Pariser Vorstadt Créteil, die gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestierten, bevor der Protest von Schülern aufgegriffen wurde und sich zu einem regelrechten Flächenbrand entwickelte.
Selbst das Bildungsministerium musste inzwischen einräumen, dass die Ausfallstunden augrund von Personalmangel solche Ausmaße angenommen haben, dass im Durchschnitt den Schülern jede zehnte Unterrichtsstunde verloren geht. Das hinderte die Regierung von Präsident Macron nicht daran, in den vergangenen zwölf Monaten weitere 4.000 Planstellen bei von Lehrern zu streichen. Im laufenden Schuljahr sollen noch einmal 1.500 wegfallen.
Hinzu kommt, dass viele Schulen seit langem dringend renovierungsbedürftig und sogar baufällig sind, viele Klassenräume zu klein für zu große Klassen sind, und sanitäre Einrichtungen, Schulmobiliar und didaktisches Material fehlen.
Außerdem ist den Lehrern und Schülern die zentrale Online-Plattform »Parcoursup«, über die man sich für das erste Jahr an einer Hochschule oder Universität bewerben muss, schon lange ein Dorn im Auge, weil das Warten auf die Rückmeldungen von den Wartelisten extrem streßt und die Schüler den völlig undurchsichtigen Auswahlkriteien von Algorithmen (!) ausgesetzt sind.
Auch wenn die Regierung von Premierminister Lecornu, nachdem sie erst brutale Gewalt gegen die Schüler einsetzte, bei der allein am Dienstag 215 Schüler und 85 Lehrkräfte verletzt wurden, sich unter dem Druck der Ereignisse viel zu spät zu Gesprächen mit den Schülerorganisationen bereit erklärte, ist nicht davon auszugehen, dass die Protestbewegung kurzfristig aufgeben wird.
Um das zu erreichen müssten schon deren Forderungen, die Abschaffung der »Parcoursup« und Zusagen über 10 Milliarden Euro Investitionen in Dringlichkeitsmaßnahmen im Schulbetrieb erfolgen. Womit die Regierung, die sich bisher nur in Austerität im Schulwesen übte und deren Existenz ohnehin an einem seidenen Faden hängt, völlig überfordert ist.
Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

