Der Einzelhandel reagiert zwar auf die Pandemie, spart sonst aber beim Personal. Lukas Haslwanter, PdA-Mitglied und Angestellter im Einzelhandel, ist auch von der Gewerkschaft verärgertund fürchtet um seine Gesundheit.

Die Fragen stellte Marie Jaeger, Mitglied der Partei der Arbeit Österreichs.

Der Lebensmittelhandel ist ja aktuell neben dem Gesundheitsbereich eine der Branchen, die in der Öffentlichkeit viel Beachtung finden, weil er systemrelevant ist. Du arbeitest ja schon seit einigen Jahren in dem Bereich, hast du den Eindruck, dass sich der Umgang von Kundinnen und Kunden mit dir und deinen Kolleginnen und Kollegen geändert hat?

Nein, diesen Eindruck habe ich nicht. Wer vor der Corona Krise unfreundlich war, ist es meist auch jetzt. Beispielsweise hat mir ein Kollege erzählt, dass er letztens mit einem Kunden ein Problem hatte, weil dieser a) keinen Mund- und Nasenschutz aufsetzen wollte und b) auch keinen Einkaufswagen zum Einkaufen verwenden wollte. Als der Kollege ihn darauf hinwies, dass er ohne nicht den Laden betreten dürfte, hat der Kunde bei der Kundenhotline angerufen und sich über den Kollegen beschwert, dieser hätte ihn ausgelacht und beschimpft. Das einzige was sich kurzzeitig geändert hatte ist, dass die Leute mehr Trinkgeld gegeben haben.

Es wurde ja an einigen Abenden in Österreich für die Leute geklatscht und es gibt von einigen Ketten sogenannte Corona-Prämien. Bringt das einem eine höhere Zufriedenheit und macht es ertragbarer, dass man einem solchen Risiko ausgesetzt wird?

Das Klatschen ist lächerlich. Das können sich die Klatscher gerne schenken, davon werde ich weder satt noch kann ich meine Miete bezahlen. Ähnlich verhält es sich mit den Corona-Prämien. Auf den ersten Blick sind beides schöne und nette Gesten. Fakt ist aber, dass die Corona-Prämien von den Unternehmen nur bezahlt werden, um Mitabeiterinnen und Mitarbeiter sowie eventuelle gewerkschaftliche Forderungen abzuwiegeln. Die Handelskonzerne ersparen es sich so, mit ihren Angestellten über eine Sondergefahrenzulage zu diskutieren. Diese würde wesentlich höher ausfallen, müsste sie doch die gesamte Corona-Zeit hindurch bezahlt werden. Viele Kolleginnen und Kollegen lassen sich damit leider abspeisen. Bei dem Konzern, für den ich arbeite, sind es für Vollzeitkräfte einmal 150 Euro Gutscheine, für Teilzeitkräfte 100 Euro und für Geringfügige 50 Euro zum Einkaufen – dort wo man angestellt ist. Das Geld bleibt also beim Konzern.

Hat sich sonst der Arbeitsalltag verändert? Gibt es viele Krankenstände, neue Aufgaben? Wie gehen du und deine Kolleginnen und Kollegen damit um, dass ihr einem so hohem Risiko ausgesetzt seid, dass ihr euch anstecken könnt, weil ihr den Kundinnen und Kunden nicht aus dem Weg gehen könnt?

Ich kann schwer beurteilen, ob sich der Arbeitsalltag allgemein verändert hat. Was ich aber sagen kann, ist, dass der Einzelhandelskonzern für den ich arbeite, bereits vor der Corona-Krise mit einer äußerst dünnen Personaldecke gearbeitet hat und beständig bemüht war, Personalkosten zu reduzieren, sprich Personal abzubauen. Das wirkt sich jetzt natürlich katastrophal aus. In meiner Filiale, einer kleinen Filiale am Stadtrand, sind von sieben regulären Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vier im Krankenstand und einer hat gekündigt. Wir bekommen zwar Aushilfen aus anderen Filialen, trotzdem mussten sowohl ich, als auch meine Kollegin bereits Vormittage bzw. Nachmittage alleine arbeiten.

Grundsätzlich ist das Risiko einer Ansteckung bei uns im Betrieb auf ein Minimum reduziert. Wir haben von Anfang an Desinfektionsmittel erhalten, an der Kasse wurde ein Schutz aus Plexiglas angebracht und wir haben schon bereits bevor es vorgeschrieben war Mund- und Nasenschutz sowie Plastikhandschuhe erhalten. Aber natürlich lässt sich beim Arbeiten nicht immer ein Mindestabstand von einem Meter einhalten.

Welche Schutzmaßnahmen hat deine Kette noch gesetzt? Hast du den Eindruck, die Gewerkschaft unterstützt euch angemessen in dieser Situation? Gibt es Kontrollen, ob die Maßnahmen eingehalten werden?

Wie ich bereits erzählt habe, hat das Unternehmen schon sehr früh weitgehende Maßnahmen getroffen, um uns zu schützen, aber auch, und das darf nicht unterschätzt werden, um den Kundinnen und Kunden ein Gefühl von Sicherheit zu geben, dass man auch um ihren Schutz bemüht ist.

Die Gewerkschaft hat zwar gemeinsam mit der Arbeiterkammer eine Hotline für Fragen zum Arbeitsrecht und Corona eingerichtet, unterstützt fühle ich mich von der Gewerkschaftsführung allerdings nicht. Einerseits ist mein Eindruck, sind die Gewerkschaftsführung und große Teile des Apparats bis hinunter zu den Betriebsräten bereit, alles mitzutragen, solange man nur auch ein paar Worte bei der Pressekonferenz sagen darf. Andererseits werden völlig überzogene und unrealistische Forderungen gestellt. Anstatt den Fokus auf Sondergefahrenzulagen oder ähnliches zu legen, propagiert die GPA-djp ein 15. Gehalt für Angestellte im Einzelhandel.

Ein weiteres fragwürdiges Erlebnis mit dem hauptamtlichen Gewerkschaftsapparat war auch das folgende: Als die Kollegin alleine arbeiten musste und danach auch ich, habe ich den zuständigen Gewerkschafter angerufen und mich erkundigt, ob das überhaupt arbeitsrechtlich möglich wäre. Daraufhin erhielt ich die lapidare Antwort, dass meine Kollegin erstmal GPA-djp Mitglied werden solle, davor würden sie keine Auskunft geben. Als ich darauf hinwies, dass auch ich betroffen bin und ja bereits seit langem GPA-djp Mitglied bin, wurde ich mit der Antwort abgespeist, dass das alles möglich ist und man leider nix machen kann. Zusammengefasst kann man sagen: Danke für nichts.

Es gibt nun ja Töne, insbesondere aus der IV und WKÖ aber auch die Ankündigung der Regierung, dass eine Lockerung der Maßnahmen stattfinden soll. Glaubst du, das bedeutet Entlastung für euch, weil dann auch die Hamsterkäufe aufhören und die Normalität Einzug hält?

Nein, die Ankündigungen der Regierung halte ich für mehr als problematisch. Die Hamsterkäufe sind längst vorbei. Diese haben in den ersten Tagen der Corona-Krise stattgefunden, dafür musste keine Rückkehr zum Normalzustand verkündet werden. Vielmehr ist mein Eindruck, dass die Regierung bereit ist, die Gesundheit des Volkes den Profiten einiger Unternehmen zu opfern.

Wir werden sehen, wie sich die Situation in den nächsten Wochen entwickelt. Allerdings denke ich, dass sich die Situation für uns im Wesentlichen verschlechtert, denn umso mehr die Menschen zusammenkommen, desto höher ist auch für uns das Risiko, dass wir uns bei der Arbeit mit dem Virus infizieren.

Lukas Haslwanter (30) ist Mitglied des Parteivorstands der Partei der Arbeit. Er war lange Kader der Kommunistischen Jugend Österreichs, ist Gewerkschafter und arbeitet seit ein paar Jahren im Einzelhandel. Lukas studiert Geschichte an der Universität Innsbruck.

Quelle:

Zeitung der Arbeit