Als in den USA die Fünf-Millionen-Schwelle bei den nachgewiesenen Coronavirusinfektionen überschritten wurde, das Land mit mehr als 150.000 Toten auch die meisten Pandemieopfer weltweit aufwies und Millionen entlassener Arbeiter ihre Krankenversicherung verloren haben, gaben in den ersten Augusttagen zwei in den USA immens wichtige »Wirtschaftsbereiche« ihre Ergebnisse im zweiten Trimester bekannt: Auf Krankenversicherungen spezialisierte, private Versicherungskonzerne wie Anthem, Humana oder United Health Group und gleichfalls private, derzeit vor allem mit Coronatests befaßte große Laborketten wie Quest Diagnostics oder die Laboratory Corporation of America.

Die größten Krankenversicherer des Landes konnten ihre Profite gegenüber dem zweiten Trimester des Vorjahres laut »New York Times« vom 6. August »verdoppeln«, während die Aktien der wichtigsten Tester in der außer Kontrolle geratenen Coronakrise »hochgeschnellt« seien.

Weil es bei Quest Diagnostics im Durchschnitt über zwei Wochen dauert, bis man sein Testergebnis hat, und weil die Ergebnisse in den USA nicht zentral zusammengetragen werden, ist eine Rückverfolgung der Kontakte positiv Getesteter dort zu einem mehr oder weniger nutzlosen Unterfangen geworden.

Für die Diagnosemultis bleiben COVID-19-Tests dennoch in hohem Maße lukrativ, obwohl sie noch nicht einmal bereit sind, in Testkapazitäten zu investieren, die sie vielleicht schon in sechs Monaten nicht mehr gewinnbringend einsetzen können. Längst haben sie mit den großen Krankenhaus- und Versicherungskonzernen langfristige Knebelverträge abgeschlossen, die den behandelnden Ärzten genau vorschreiben, welche Tests von welchem Hersteller sie einsetzen müssen.

Bei Quest Diagnostics geht man mittlerweile von einem Gewinn von einer Milliarde US-Dollar in diesem Jahr aus – das wären über zehn Prozent mehr als der Konzern noch vor sechs Monaten selbst eingeschätzt hat. Coronatests brächten »gute Gewinnmargen«, erklärte dann auch Quest-Finanzchef Mark Guinan.

Im Kapitalismus verfolgen alle Privatunternehmen den alleinigen Zweck, Profit zu machen. Dabei werden Wetten auf solche Unternehmen, die inmitten einer umfassenden kapitalistischen Krise noch Profite für die Aktionäre abwerfen, als »gesunde Investitionen« angesehen – selbst wenn dabei Zehntausende Corona-Tote zu beklagen sind.

Versicherungskonzerne sind auch dann profitabel, wenn Millionen von Arbeitern aus der (in den USA meist betrieblich organisierten) Krankenversicherung fliegen und es sich dann nicht mehr leisten können, einen Arzt aufzusuchen. Aktuellen Schätzungen zufolge können es sich 41 Prozent der Einwohner der USA nicht mehr leisten, eine Notaufnahme aufzusuchen.

Gleichzeitig liegt das Land bei Krankenhausbetten pro Einwohner mittlerweile im unteren Fünftel weltweit. Weil das US-amerikanische Gesundheitssystem auf Profit ausgerichtet ist und auf dem kapitalistischen Konkurrenzprinzip basiert, ist eine landesweite Koordinierung der Anti-Corona-Maßnahmen gar nicht möglich. Und so ist das Gesundheitssystem der USA mit Ausgaben von über dreieinhalb Billionen US-Dollar pro Jahr nicht nur das teuerste, sondern auch das ungerechteste der Welt.

Oliver Wagner

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek