Unsere Blue Planet Preisträgerin Esther Bejarano ist gestorben

Unser Blauer Planet ist in ernster Gefahr. Verantwortlich für diese für Mensch und Umwelt gefährliche Entwicklung ist das mit dem weltweit vorherrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystem unveränderlich verbundene Profitprinzip sowie die mit diesem verhängnisvollen Wirtschaftsgesetz einhergehenden Zerstörung grundlegender ethischer Prinzipien durch die Ökonomie.

ethecon Stiftung Ethik & Ökonomie hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Zusammenhänge anschaulich zu machen, die dafür verantwortlichen Personen aus dem Dunkel zu holen sowie den Widerstand gegen die verheerenden Entwicklungen zu stärken. U. a. verleiht die Stiftung deshalb seit 2006 zwei internationale Preise. Sie ächten Ausbeutung, Krieg und Umweltzerstörung und folgen den Idealen des Friedens, des Umweltschutzes und der Gerechtigkeit. Sie fordern auf zu Widerstand, Wandel und Engagement im Sinne der Ideale; treten ein für eine lebenswerte Zukunft für diese, unsere Welt.

Zeichnet der eine Preis, der Internationale ethecon Blue Planet Award, den Einsatz für den Erhalt bzw. die Rettung des Blauen Planeten aus und macht auf die drängenden Handlungsmöglichkeiten und Chancen aufmerksam, so prangert der andere, der Internationale ethecon Dead Planet Award, die Schändung unserer Erde bzw. die Gefahr eines toten, unbewohnbaren Planeten an und brandmarkt Gleichgültigkeit und Ignoranz. Gemeinsam zeigen die beiden Internationalen ethecon Awards: Es gibt Hoffnung. Die Kraft liegt in uns, in jedem Einzelnen von uns.

Im Jahr 2013 wurde die Kommunistin und Antifaschistin Esther Bejarano, geb. 15.12.1924, mit dem Internationalen ethecon Blue Planet Award 2013 geehrt. In der Begründung für die Verleihung des Preises hieß es damals: „ethecon sieht im anhaltenden Engagement der Auschwitzüberlebenden Esther Bejarano gegen Krieg, Antisemitismus, Rassismus und Faschismus, in ihrem Engagement für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einen ethisch überragenden Beitrag zu Rettung und Erhalt unseres „Blauen Planeten“. Für diese herausragende Leistung menschlicher Ethik zeichnet ethecon Stiftung Ethik & Ökonomie Esther Bejarano mit dem Internationalen ethecon Blue Planet Award 2013 aus.“

Esther Bejarano musste als 17-Jährige im Jahr 1941 die Wohnung ihrer verschleppten und von den Hitler-Faschisten ermordeten Eltern auflösen, kam selbst zur „Vernichtung“ in das KZ Auschwitz, überlebte einzig dank ihres musikalischen Talents, das sie in das „Mädchenorchester von Auschwitz“ und dann in das Lager Ravensbrück führte. Ende 1945 gelang ihr als 21-Jährige auf dem „Todesmarsch“, mit dem die SS das Frauen-KZ Ravensbrück vor der heranrückenden Sowjetarmee „evakuierte“, die Flucht. Über Marseille gelangte sie nach Israel, heiratete dort und wurde Mutter zweier Kinder.

1960 kehrte sie als 36-Jährige nach Deutschland zurück, weil ihr Mann sich weigerte, an den Kriegen in Israel teilnehmen zu müssen. Im Hamburg wurden die beiden heimisch. Mit dem Erlebnis, dass ihre gesamte Familie bis auf einen Bruder und eine Schwester von den Hitler-Faschisten ausgerottet worden war, war das sehr schwer für sie. Als sie dann miterlebte, wie die Polizei einen Infostand der neofaschistischen Nationaldemokratischen Partei (NPD) schützte und antifaschistische Demonstrant*innen verprügelte, entschloss sie sich zum aktiven antifaschistischen Einsatz. Sie wurde Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), später dann der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). Dass Faschismus eine Ausgeburt des Kapitalismus ist, war für Esther Bejarano klar, wurde von ihr eindrücklich erläutert und mit unendlich vielen Beispielen immer wieder neu belegt.

Esther Bejarano begann, an Schulen von ihren Erlebnissen zu erzählen und bei politischen Veranstaltungen für Frieden und Antifaschismus zu singen. 1982 trat sie bei dem Konzert „Künstler für den Frieden“ in Bochum vor 200.000 Zuschauern auf. 1983 schloss sie ihre Boutique, um sich ganz ihrer politischen Arbeit und dem Gesang zu widmen. 1986 gründete sie mit anderen Überlebenden und Verfolgten das Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik Deutschland. Seither hat sie an einer Vielzahl von Demonstrationen und Veranstaltungen gegen rechtsextreme Parteien und Versammlungen von Neonazis teilgenommen. Oft hat sie dabei feindselige Reaktionen von Polizisten erlebt. Zu einem Eklat kam es 2004, als auf einer Demonstration gegen Neonazis das Fahrzeug, in dem sich Esther, damals fast 80 Jahre alt, über Lautsprecher an die Menschen wandte, brutal und direkt von der Polizei mit einem Wasserwerfer angegriffen wurde.

Esther Bejarano kämpfte unerschrocken und unermüdlich. Im Herbst 2013 hat Esther die Polizeiaktionen gegen Lampedusa-Flüchtlinge in Hamburg als „Schande für die Stadt“ bezeichnet. Sie erklärte, dass die Personenkontrollen von Afrikanern ebenso unmenschlich und inakzeptabel seien wie die gesamte europäische Asylpolitik.

Bis zum letzten Atemzug blieb sie aktiv gegen Faschismus und Krieg. Noch in den letzten Monaten ihres Lebens wandte sie sich in einem vielbeachteten Appell an die Öffentlichkeit und kämpfte für den Erhalt der Gemeinnützigkeit für die VVN-BdA. Und noch in diesem Jahr machte sie sich stark dafür, dass der 8. Mai in der Bundesrepublik ein Feiertag wird. In einer Petition sagte sie: Die militärische Zerschlagung des Faschismus durch die Alliierten, Partisaninnen und Partisanen und Widerstandskämpfer als Befreiung zu begreifen, bedeute, die richtigen Schlüsse zu ziehen und auch so zu handeln. Es sei nicht hinnehmbar, dass 75 Jahre danach extreme Rechte in allen deutschen Parlamenten sitzen und in immer rascherer Folge Mord auf Mord folge. Sonntagsreden, die Betroffenheit zeigen, reichten nicht. Es müsse gestritten werden für die neue Welt des Friedens und der Freiheit, die die befreiten Häftlinge im Schwur von Buchenwald als Auftrag hinterlassen haben, so Bejarano.

Nun hat das Herz von Esther Bejarano aufgehört zu schlagen. Wir haben eine mutige, tapfere und starke Mitkämpferin verloren. Mit ihren Angehörigen, ihren Freund*innen, ihren Mitstreiter*innen trauern wir um sie. Wir werden sie im Gedächtnis behalten, als das, was sie war: Eine bewundernswerte Frau, die beispielhaft für den Blauen Planeten, für Moral und Ethik, für Gerechtigkeit, Frieden und das Wohl der Menschheit eintrat.

Allein bereits die Verleihung des Internationalen Blue Planet Award 2013 war seinerzeit mehr als außergewöhnlich: Immerhin 87 Jahre alt, bedankte sich Esther Bejarano für den Preis, indem sie gemeinsam mit der Hip Hop Band Microphone Mafia im Anschluss an die Verleihung des Awards ein Gratis-Konzert gab.

Wir schließen uns dem Appell Esther Bejaranos an: »Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht. Seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die Schwächsten! Bleibt mutig! Ich vertraue auf die Jugend, ich vertraue auf euch! Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg!«

Quelle: ethecon Stiftung Ethik & Ökonomie – Ein starkes, ein tapferes, ein mutiges Herz hat zu schlagen aufgehört.