Aufgrund bestimmter politischer Interessen und der von der hegemonialen Kulturindustrie verbreiteten Medienmatrizen scheint es derzeit so, als ob das Leben Nelson Mandelas nur in hagiografischer Form erzählt, dekontextualisiert und idealisiert werden sollte, als ob die wahre Gestalt des konsequenten Kämpfers, der alles für die Freiheit seines Volkes gegeben hat, geschmälert werden sollte.

Er selbst sagte zu dem Versuch, ihn von den Koordinaten seiner Zeit und seiner Lebensumstände zu trennen: „Ich darf nicht als der Heilige gelten, der ich nie war, auch wenn ein Heiliger als ein Sünder definiert wird, der sich immer wieder bemüht.“

Am heutigen Internationalen Nelson-Mandela-Tag, der 2010 von den Vereinten Nationen eingeführt wurde und mit dem Geburtstag des südafrikanischen Revolutionsführers zusammenfällt, sollte man sich den Wert des Vermächtnisses, das er uns hinterlassen hat, in vollem Umfang vor Augen führen.

Sein Beispiel für Mut, Würde, Widerstand, Führungsqualitäten und die harmonische Verknüpfung von Taktik und Strategie im Kampf machte ihn zur Zielscheibe von Angriffen, Disqualifizierungs- und Verleumdungskampagnen nicht nur durch das rassistische Regime in seinem Land, sondern auch durch die wichtigsten westlichen Mächte.

In den Vereinigten Staaten hat ihn die Regierung von Ronald Reagan zusammen mit dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) auf die Liste der terroristischen Personen und Organisationen gesetzt, und wir Kubaner wissen sehr gut, was diese politisch perverse Manipulation bedeutet.

Erst 2008, 18 Jahre nachdem er seine Freiheit gewonnen hatte, von 1994 bis 1999 zum Präsidenten der Republik Südafrika gewählt worden war und als Vater des neuen Südafrika galt, wurde er von den USA von der Liste gestrichen.

Als er 1962 nach Südafrika zurückgekehrt war, um die Anti-Apartheid-Bewegung von innen heraus anzuführen, wurde er am Stadtrand von Durban verhaftet, als er in einem Auto unterwegs war. Laut der Aussage von Donald Rickard, einem CIA-Agenten, der damals als US-Vizekonsul in Durban stationiert war, gegenüber dem britischen Filmemacher John Irvin für den Dokumentarfilm „Mandela’s Gun“, war es sein Spionagenetzwerk, das der südafrikanischen politischen Polizei den Tipp gab.

Er zeigte nicht die geringste Reue. Für ihn war Mandela ein Feind, „der gefährlichste Kommunist außerhalb der Sowjetunion“, wie er von der CIA beschrieben wurde, einer Behörde, die sich übrigens wiederholt geweigert hat, ihre Akten über den Anti-Apartheid-Führer zu öffnen. Die zunächst fünfjährige Haftstrafe nach seiner Festnahme und das anschließende „lebenslänglich“ im Jahr 1964 haben weder Mandelas Ideen noch dem Kampf seines Volkes und der internationalen Bewegung gegen das rassistische Regime und für die Freilassung des Helden, der schließlich am 11. Februar 1990 aus dem Gefängnis entlassen wurde, geschadet.

Der Hinweis auf die Mitschuld der USA an der Grausamkeit gegen Mandela in Stevie van Zandts letztjährig erschienenem Buch Flechazos y rechazos ist nicht ohne Bedeutung. Der Gitarrist der „E Street Band“ von Bruce Springsteen erzählt von einem Gespräch, das er mit Paul Simon – ja, dem berühmten US-amerikanischen Musiker – in den Momenten nach dem berühmten Wembley-Konzert 1988 gegen die Apartheid und für die Freiheit des 70jährigen ANC-Führers führte. Simon sagte ihm: „Mein Freund Henry Kissinger hat es mir ausführlich erklärt: Mandela ist ein Terrorist, ein Kommunist und er ist gefährlich.“ Van Zandt war wie versteinert. Dann erinnerte der Gitarrist an Kissingers Rolle beim Staatsstreich gegen die Regierung der Unidad Popular von Salvador Allende in Chile, als wollte er die Quelle der Attacke hervorheben.

Barack Obama besuchte Südafrika, pilgerte nach Robben Island, wo Mandela lange Zeit inhaftiert war, und hielt den ANC-Führer als Beispiel für inspirierenden Mut, Versöhnung und Vergebung hoch. Aber weder er noch seine Vorgänger und Nachfolger haben sich jemals für die Kränkung entschuldigt, die die USA Mandela zugefügt haben.

In Anlehnung an Reagan ließ auch die britische Premierministerin Margaret Thatcher ihre Wut an Mandela und dem ANC aus. 1988 zögerte der Bewohnerin von Downing Street, Nr. 10 nicht, den ANC als „eine typische terroristische Organisation“ zu apostrophieren. „Wer glaubt, dass er Südafrika regieren könne, lebt in einer Fantasiewelt.“

Dokumente des Nationalarchivs, die von der schottischen Zeitschrift The Ferret am 20. September 2018 veröffentlicht wurden, bestätigen, dass Thatcher „einen Vorschlag ihres Außenministers Douglas Hurd, dem ANC mit einer Million Pfund zu helfen, drei Monate nach der Entlassung Nelson Mandelas aus dem Gefängnis wütend abgelehnt hat“. In ihrer eigenen Handschrift schrieb sie: „Wir finanzieren keine Gewalt.“ Nach ihrem ersten Telefongespräch mit Mandela äußerte Thatcher ihre Verachtung: „Er ist ziemlich verschlossen“. Könnte es sein, dass sie sich selbst im Spiegel betrachtete?

1991 besuchte uns Mandela anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag des Nationalen Aufstandes in Matanzas. Am Vorabend der Veranstaltung erschien er vor der ausländischen Presse in Havanna. Ein US-amerikanischer Korrespondent fragte ihn: „Die exilkubanische Gemeinde hat Sie gebeten, die Menschenrechtssituation in Kuba zu kritisieren. Wie reagieren Sie auf diese Exilanten?“

Die starke Reaktion, die folgte: „Wer sind diese Leute, dass sie die Durchsetzung der Menschenrechte fordern! Über 40 Jahre lang wurden in Südafrika die Menschenrechte verletzt. Wer sind sie, dass sie sich um die Menschenrechte kümmern, wenn sie sich nicht um die Gewalt kümmern, die den Tod von 10.000 Menschen in meinem Land verursacht hat? Wer sind sie, dass sie uns über Menschenrechte belehren? Wenn Sie mir diese Frage beantworten, dann werde ich auf Ihre antworten.“

Schweigen. Es gab nichts mehr zu sagen. Mandelas moralischer Schild hat das durchsichtige Manöver zunichte gemacht. So war Mandela.

Quelle: Granma Internacional