Übernommen von Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek:
»Heute sind wir alle Belgier«. Dieser Satz geisterte am Montag durchs Netz und Freundeskreise. Die »Roten Teufel«, die während der laufenden WM-Endrunde noch keinen herausragenden sportlichen Moment vorweisen konnten, waren plötzlich zum Hüter des Fußballs geworden vor ihrem Spiel gegen Gastgeber USA (4:1). Die Einmischung von US-Präsident Trump in eine Schiedsrichterentscheidung war der schmutzige Höhepunkt eines ohnehin hochdiskutablen Turniers.
Es gab eine Zeit, da dachte man, die FIFA hätte ihren absoluten Tiefpunkt 2015 erreicht, als in Zürich wegen Korruption die Handschellen klickten. Blatters Nachfolger Gianni Infantino trat damals an mit dem Versprechen, den Laden aufzuräumen, was ihm auch in Luxemburg viele glaubten. Heute, im Sommer 2026, wissen wir: Er hat das System der Gier nur professionalisiert und globalisiert. Was sich rund um das Turnier in den USA, Mexiko und Kanada absetzt, ist eine neue, gefährliche Dimension. Die FIFA läßt zu, daß politische Gefälligkeiten und wirtschaftliche Interessen den sportlichen Wettbewerb manipulieren.
Die Causa Folarin Balogun wird als der Moment in die Geschichte eingehen, in dem die FIFA ihre restliche Glaubwürdigkeit verscherbelte. Daß der US-Stürmer im Achtelfinale gegen Belgien auflaufen durfte, obwohl er im Spiel zuvor eine unstrittige Rote Karte sah, spottet jeder Fairneß. Noch ungeheuerlicher ist das Zustandekommen: Ein persönlicher Anruf von Trump bei seinem Intimus Infantino reichte aus, um die automatische Sperre über ein obskures juristisches Hintertürchen für ein Jahr »auf Bewährung« auszusetzen. Balogun selbst hatte im Anschluß ans Spiel das Gespräch mit Belgien-Coach Rudi Garcia gesucht. Eine schöne Geste inmitten des Aufruhrs.
»Die Integrität des Spiels steht auf dem Spiel«, schäumte der europäische Kontinentalverband UEFA völlig zu Recht. Ein solches Einknicken vor der Politik im laufenden Wettbewerb ist im modernen Fußball beispiellos. Daß die USA das Spiel gegen Belgien dennoch krachend mit 1:4 verloren, ist die Ironie eines Sports, der sich im Kern noch gegen die Allmacht der Funktionäre wehrt. Doch der Schaden ist angerichtet. Wenn das Wort eines Politikers schwerer wiegt als das Regelwerk, ist die FIFA kein Sportverband mehr – sie ist ein geopolitischer Basar.
Wer diese Weltmeisterschaft verfolgt, sieht das Scheitern des aufgeblähten 48-Teams-Turnieres auch auf den Rängen. Mit der Einführung des »Dynamic Pricing« – ein Euphemismus für schamlosen Wucher – hat die FIFA die Ticketpreise in absurde Höhen getrieben. Karten für das Finale im MetLife Stadium werden für bis zu 11.000 Dollar gehandelt. US-Staatsanwälte ermitteln bereits wegen Preistreiberei. Die Quittung folgt prompt: gähnende Leere auf den teuren Plätzen, die im Fernsehen peinlich genau von Freiwilligen aufgefüllt werden müssen.
Der Fußball wird seinen treuesten Anhängern entrissen und als seelenloses Statussymbol und Konsumprodukt für die Elite inszeniert. Gleichzeitig biederte sich der Verband dem saudi-arabischen Staatskonzern Aramco als Hauptsponsor an und pfeift auf Nachhaltigkeitsversprechen, während die Teams in einem logistischen Albtraum über einen Kontinent gepeitscht werden und der FIFA-Boß im Privatjet hin und her düst.
Die FIFA operiert nach wie vor im rechtlichen Schutzraum eines Schweizer Vereins – ohne echte Kontrollinstanzen. Doch das System Infantino stößt an seine Grenzen. Wenn der Sport selbst korrumpiert wird, verlieren auch Sponsoren und TV-Anstalten irgendwann das Produkt, das sie so teuer einkaufen: Das unvorhersehbare, faire Drama des Spiels.
Die kontinentalen Verbände, allen voran die UEFA, dürfen sich nicht mehr mit Empörung begnügen. Sie müssen dem gierigen Riesen in Zürich den Geldhahn zudrehen oder den offenen Bruch wagen. Der Ball gehört den Spielern und den Fans – nicht den Handys der Mächtigen.
Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

