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Automatisiertes Töten:  Zur neueren Entwicklung KI-basierter Kriegsführung

Übernommen von Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen:

von Prof. Dr. Jutta Weber

Entscheidungssysteme sind Systeme, „die KI-Techniken zur Datenanalyse einsetzen, umsetzbare Empfehlungen liefern und Entscheidungsträger auf verschiedenen Ebenen der Befehlskette bei der Lösung halbstrukturierter und unstrukturierter Entscheidungsaufgaben unterstützen“.¹  Zielfindungssysteme wiederum schlagen automatisiert mögliche Ziele für Tötungen von Menschen oder Zerstörung von Gebäuden oder Infrastruktur vor. Semi/autonome sind zum Beispiel luftgestützte First-Person-View- beziehungsweise Kamikaze-Drohnen mit Sprengstoff, die per Datenbrille ins Ziel gesteuert werden (Ukraine), mit Schnellfeuerwaffen bestückte Quadrokopter (zum Beispiel im Gaza-Krieg), aber auch Langstreckendrohnen, die über weite Strecken fliegen und größere Mengen an Sprengstoff transportieren können. Aber es gibt nicht nur luftbasierte Drohnen, sondern auch Unter/Wasserdrohnen und Landsysteme.

Diese Entwicklungen haben die Kriegsführung grundlegend geändert: Sie wird letaler – nicht nur für Soldat*innen, sondern vor allem für Zivilist*innen. Gleichzeitig werden Soldat*innen wie Zivilist*innen zunehmend zu Versuchskaninchen einer zunehmend experimentell funktionierenden, softwarebasierten Kriegsführung, während völkerrechtliche Verstöße der Technologie schwerer nachzuvollziehen sind.

Schon teleoperierte Drohnen üb(t)en mit Beginn des „War on Terror“ 2001 durch ihre Präsenz massiven und permanenten Terror aus und wurden genutzt, um Tötungen beziehungsweise Hinrichtungen auf Distanz auszuüben. Heute beschreiben ukrainische Soldaten, wie der Krieg seltsam persönlich wird, wenn man von einer Drohne verfolgt wird. Im letzten Gaza-Krieg wurde berichtet, dass sich Frauen und Kinder nicht mehr auf die Straße trauten, weil auf sie via Drohnen mit Schnellfeuerwaffen geschossen wurde.

Die Probleme teleoperierter Systeme multiplizieren sich mit autonomen Systemen. Eines der größten Probleme ist, dass KI-basierte (Drohnen-)Kriegsführung – und nichts anderes bedeuten autonome Drohnen – sich nicht wirklich kontrollieren lässt. Ein Soldat kann nicht die Korrektheit der Daten einschätzen, mit denen das System trainiert wurde, und er kann es im Normalfall auch nicht an die jeweilige Situation anpassen, was angesichts der Agilität zumindest bei sogenannten lernenden Systemen dringend nötig ist: Er kann nicht überprüfen, wie sich das System durch dynamische Optimierungsprozesse verändert und ob die vorgegebenen Algorithmen dazu noch passen. In gewisser Weise wird Kriegsführung experimenteller, wenn man wie etwas das deutsche Start-up Helsing in der Ukraine eingesetzte Drohnen jede Woche mit einem Update versieht. Es ist mehr als fraglich, ob die Softwareingenieur*innen die Konsequenzen ihrer Updates abschätzen können.

Die Ukraine, Gaza, der Iran oder auch der Sudan dienen heute auch als Testlabor für KI-gestützte Waffen. Einer der großen Versuche KI-basierter Systeme ist, Prozesse in Maschinengeschwindigkeit zu erledigen – von der Entscheidung über den Zielprozess bis zur Tötung. Doch will man den Vorteil der Geschwindigkeit, kann man keine menschliche Kontrolle über das System haben. Aus diesem Dilemma gibt es keinen Ausweg. Entsprechend betonte UN-Generalsekretär António Guterres in der Eröffnungsrede der Generalversammlung der Vereinten Nationen im September 2025, dass autonome militärische Systeme nicht über Leben und Tod entscheiden sollten, da dies nicht mit dem Völkerrecht vereinbar ist, welches fordert, dass Tötungsentscheidungen im Krieg immer von Menschen gefällt werden müssen.

Hier wird suggeriert, dass Demokratien autonome (Entscheidungs-, Zielfindungs- und/oder Waffen-) Systeme brauchen, da man in postheroischen Zeiten die heimische Bevölkerung nicht für einen Krieg mobilisieren kann. Allein technologische Überlegenheit scheint es möglich zu machen, die multiplen Krisen unserer Gegenwart zu bewältigen – und dies nicht „nur“ in Form von Abschreckung, sondern auch in Form von zukünftigen siegreichen (Angriffs-)Kriegen. Warum die USA den Vietnamkrieg und den Afghanistankrieg verloren haben und gerade im Iran scheitern, wenn asymmetrische Technologie – die schon in Vietnam datengestützt war – immer ‚gewinnt‘, bleibt ein offenes Geheimnis.

Dagegen fordern mehr als 100, vor allem kleinere Staaten, den Bann oder wenigstens die Regulation autonomer Systeme, während die großen geopolitischen Player versuchen, diese bei Verhandlungen auf UN-Ebene in Genf hinauszuzögern oder zu verhindern.

Diese Form der Wissensproduktion ist auch Ausdruck einer instabilen Welt, die von Unsicherheit, Komplexität und Wettbewerb beziehungsweise Geschwindigkeit geprägt ist und in der es – aus Angst vor der Zukunft – wichtiger erscheint, grobe Schätzungen von möglichen Ereignissen vorzunehmen, als nach validen, rationalen Erklärungen von Phänomenen und Ereignissen zu suchen. KI produziert kein Wissen und reflektiert ihre Ergebnisse nicht. Sie approximiert beziehungsweise jongliert. Auf diese Weise Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen, ist abstrakte Gewalt.

Ähnlich problematisch sind KI-basierte Entscheidungssysteme, die mit Machine Learning arbeiten. Hier potenzieren sich die schon erwähnten Fehler durch die Nutzung von Large Language Models (LLL) wie ChatGPT, die teilweise mit Fehlerraten von mehr als 80 Prozent „halluzinieren“ – also Fakten oder Referenzen erfinden.

Der Wunsch nach technologischer Überlegenheit beziehungsweise der Glaube an den Vorteil von Entscheidungen in Maschinengeschwindigkeit sitzt offensichtlich so tief, dass man diese massiven und menschenverachtenden Fehler(raten) wissentlich in Kauf nimmt und hofft, man könne so den „Fog of War“ durch KI eliminieren. 83 Prozent der Toten im letzten Gaza-Krieg, in dem das israelische Militär sehr wahrscheinlich KI-gestützte Zielfindungs- und Waffensysteme eingesetzt hat, waren Frauen und Kinder.

Aktuell beginnt man in den USA sogar laut darüber nachzudenken, ob man die Entscheidung über den Einsatz von Nuklearwaffen nicht den schnelleren KI-Entscheidungssystemen überlassen sollte.

Wie naiv und technikgläubig oder menschenverachtend muss man sein, um solche Optionen auch nur in Betracht zu ziehen?

Die verheerenden menschlichen, sozialen wie ökologischen Konsequenzen intensiver Aufrüstung kommen hier nicht in den Blick. Denn dieser Rüstungswettlauf zerstört noch weiter den Sozialstaat und damit die Demokratie. Und die Verschwendung von Strom und Wasser für KI-Datencenter bis zu den enormen Mengen an Metallen und seltenen Erden für Chips, Computer, Drohnen et cetera, die für die sozialökologische Wende gebraucht werden, kommen nicht in den Blick. Offensichtlich hofft man vor allem, die eigenen schwächelnden Ökonomien durch die KI- und Drohnenindustrie, aber auch die geopolitische Hegemonie zu konsolidieren – ohne sich dafür zu interessieren, dass automatisierte Tötungsmaschinen weder mit dem Völkerrecht vereinbar sind noch dass dieser KI-Rüstungswettlauf in einer fatalen Gewaltspirale enden könnte.

Dieser Beitrag erscheint in der ZivilCourage Ausgabe 3/2026

Quelle: Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen

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