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Ausgebürgert – Dr. Margot Käßmann zur EKD-Friedensdenkschrift

Übernommen von Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen:

Ausgebürgert

Bei einem Gespräch in Ostdeutschland über die neue Friedensdenkschrift der EKD hieß es: Die evangelische Kirche hat die Friedensbewegung schlicht ausgebürgert. Das klingt enttäuscht – und ich teile die Enttäuschung. Zwar ist in der Denkschrift die Rede vom „gerechten Frieden“, wie sie sich in evangelischer und katholischer Kirche anstelle der vom „gerechten Krieg“ durchgesetzt hat. Auf vielen, etliche Argumente abwägenden Seiten wird das ebenso erläutert wie die aktuellen Herausforderungen. Allerdings wird der „Schutz vor Gewalt“ angesichts des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine zum zentralen Motiv der Einschätzung gemacht. Theologisch ist vor allem die Rede davon, dass der Mensch nun einmal sündig sei und die Welt eine unerlöste.

Auf dieser Grundlage werden im wesentlich kürzeren konkreten Teil die derzeitige Aufrüstung und eine Wehrpflicht befürwortet. Ob Waffenlieferungen ethisch geboten sind, müsse durch Güterabwägung entschieden werden (S. 121). Sollten sie erfolgen, seien die Kriterien rechtserhaltender Gewalt anzuwenden (S. 16). Aus „ethischer wie völkerrechtlicher Perspektive“ … könne sogar … „eine präventive militärische Reaktion gerechtfertigt sein.“ (S. 116). Das öffnet meines Erachtens Willkür Tür und Tor.

Drei besonders gewichtige Beispiele für meine Enttäuschung will ich benennen:

1.Pazifismus

Zwar wird erklärt, Gewaltfreiheit sei ein ethischer Grundsatz für Christinnen und Christen, „der nicht an politische Zweckmäßigkeiten geknüpft ist. Dennoch ist Gewaltverzicht nicht in jeder Lage zwingend“ (S. 19). Weiter: „Christlicher Pazifismus ist als allgemeine politische Theorie ethisch nicht zu begründen. Er ist aber als Ausdruck individueller Gewissensentscheidung zu würdigen. Christlicher Pazifismus ist Ausdruck gelebter Frömmigkeit.“ Damit wird Pazifismus in der Tat abgeschoben ins Private.

2.Atomwaffen

Zwar wird erklärt, eine Ächtung von Atomwaffen sei ethisch geboten. Dennoch heißt es: „Der Besitz von Nuklearwaffen kann aber angesichts der weltpolitischen Verteilung dieser Waffen trotzdem politisch notwendig sein“ (S. 15). Das ist für mich angesichts der Potenziale der Massenvernichtungswaffen aus christlicher Perspektive nicht nachvollziehbar.

3.Wehrpflicht

Zwar wird erklärt, dass in der DDR die Totalverweigerung und der Dienst als Bausoldaten die deutlicheren christlichen Zeugnisse waren. Doch dann heißt es, das 5. Gebot beziehe sich “nicht auf das Töten im Krieg oder etwa das Töten aus Notwehr“ (S. 125). Vielmehr werde ein „Töten ohne Rechtsgrundlage“ abgewehrt (ebd.). Plädiert wird für eine „übergreifende Dienstpflicht“, wobei dem Dienst innerhalb oder außerhalb des Militärdienstes kein Vorrang gegeben wird. Ein Gebot nach Lage zu relativieren, erscheint mir höchst fraglich – das könnte ja sonst auch für alle anderen Gebote geltend gemacht werden.

Für mich ist damit eine große Chance verpasst, in Zeiten massiver Aufrüstung glasklar für Abrüstung zu plädieren. Die Chance, den Pazifismus aus christlicher Überzeugung und auf Grundlage des Evangeliums wieder in die Debatte in der Mitte der Gesellschaft zu bringen. Die Chance, eine Ächtung atomarer Waffen und die Forderung nach einem Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Die Chance, deutlich zu machen, dass es nicht um Wehrpflicht geht, sondern um die Verpflichtung zum Kriegsdienst, dem gegenüber die Verweigerung in der Tat das deutlichere christliche Zeichen ist. Da ist die Lehre Jesu glasklar.

Gegen Ende des Textes werden Friedensinitiativen durchaus gewürdigt, doch als Ermutigung der Friedensbewegung lässt sich die Denkschrift nicht wirklich lesen. Traurig. Gerade in diesen Zeiten könnte die evangelische Kirche eine starke, klare Stimme für den Frieden und den Abbau von Feindbildern sein, wie sie es in den 80er-Jahren in Deutschland Ost und West war. Diese Chance ist vertan. Hoffnung macht, dass es sie noch gibt, die vielen kleinen Friedensinitiativen und aktiven Kirchengemeinden …

Zitiert wurde nach: Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.): Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2025.

Dr. Margot Käßmann ist ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Mitglied der DFG-VK.

Dieser Kommentar erscheint in der ZivilCourage, Ausgabe 1/2026.

Für Nachfragen nehmen Sie bitte jederzeit Kontakt zu uns auf:

Yannick Kiesel,
verantwortlicher Redakteur der ZivilCourage:
zc@dfg-vk.de

Quelle: Deutsche-Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen

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