Zuweilen könnte man auf den – vielleicht nicht ganz so absurden – Gedanken kommen, daß einigen der Herrschenden und der Regierenden in unserer schönen kapitalistischen Welt die Gesundheitskrise rund um das Corona-Virus so richtig gut ins Konzept paßt. Im Schatten, oder auch unter dem Deckmantel der Krise lassen sich so manche Sachen umsetzen, die ansonsten möglicherweise mit etwas mehr Medienaufmerksamkeit bedacht würden.

Da wäre zuallererst das Thema Arbeitsplätze. Unter dem Vorwand von Einbußen beim Absatz verkünden tagtäglich Großkonzerne und viele größere Unternehmen Streichungen von Arbeitsplätzen im drei- bis fünfstelligen Umfang. Daß diese Kürzungen in vielen Fällen absolut nichts mit dem Virus zu tun haben, zeigt sich an vielen Einzelbeispielen. Stellenstreichungen stehen nimmer auf dem Programm, wenn sich die kapitalistische Wirtschaft in einer Krise befindet. Die aktuelle Krise ist immer noch Teil der Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Ende seit 2008 zwar mehrmals verkündet wurde, jedoch tatsächlich nie aufgehört hat.

In der »Supermacht« USA sehen sich Woche für Woche Hunderttausende gezwungen, einen Neuantrag auf Arbeitslosenhilfe zu beantragen. Mehr als 20 Millionen Menschen stehen im »reichsten Land der Welt« in langen Schlangen, um auf Lebensmittelspenden zu warten. »Der Aktienmarkt steigt, und steigt, und steigt, während die Wartenden auf Lebensmittel- und Arbeitslosenhilfe und bei Krankenhaus-Notaufnahmen immer mehr werden« , kommentierte der Vorsitzende der Kommunistischen Partei der USA, Joe Sims.

Obwohl es mehr als auffällig ist, wird in den großen bürgerlichen Medien darauf verzichtet, über die Ursachen der Misere in vielen Kranken- und Pflege-Einrichtungen zu schreiben. Die Hauptursache liegt nämlich darin, daß seit Jahren in den meisten Ländern des Kapitals nichts dafür getan wurde, diesen Einrichtungen angemessen ausgebildetes Personal zur Verfügung zu stellen. So gut wie alle Krankenhäuser sahen sich zu Beginn der Pandemie zudem mit einem eklatanten Mangel an Schutzausrüstungen konfrontiert. Ohne die raschen Lieferungen aus China wäre die Versorgung der Corona-Patienten schon im März innerhalb weniger Tage zusammengebrochen.

Und darüber hinaus leiden sehr viele Gesundheitseinrichtungen an der von der EU seit Jahren verordneten Kürzungspolitik. Vor allem in den damals so genannten PIIGS-Ländern Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien hapert es an allen Ecken und Kanten. In Italien wird schon wieder laut darüber nachgedacht, Kuba um die Entsendung einer neuen Medizinerbrigade zu bitten. Und in Griechenland entschloß sich der Vizepräsident des Parlaments, der Arzt und Kommunist Giorgos Lamproulis, angesichts der brisanten Lage in Athen und einigen größeren Städten seinen Sessel im Abgeordnetensaal mit dem unbequemen Stuhl in einer Notaufnahme zu tauschen. 20 weitere Parlamentarier folgten diesem Beispiel.

Von durchweg allen Regierungen der Mitgliedstaaten der EU und der NATO Tag ist für Tag zu hören, es sei nicht genügend Geld da, um Löhne und Gehälter in voller Höhe weiter zu zahlen, um die Pleite von Gewerbetreibenden, Restaurants, Cafés, Theatern, Kinos und anderen Kulturinstitutionen zu verhindern. Und gleichzeitig werden immer neue Rüstungsprojekte bewilligt und die Militärhaushalte weiter erhöht. Der gewöhnliche Kapitalismus eben…

Uli Brockmeyer

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek – Unser Leitartikel : <br/>Der gewöhnliche Kapitalismus