Luxemburg 

Gegen die schleichende Privatisierung der Schule

Die vor fast zwei Jahren vom OGBL unter dem Hashtag #dschoulsteetnetzumverkaf gestartete Kampagne gegen die Privatisierung des öffentlichen Bildungswesens hat mit den von DP-Erziehungsminister Claude Meisch ohne Rücksprache mit den Lehrergewerkschaften aus dem Hut gezauberten Gesetzesprojekten 7662 und 7658, mit denen Meisch (in einem ersten Schritt!) die Direktorenposten von vier spezialisierten Lyzeen sowie zwei Verwaltungen aus dem Bildungsbereich für nicht pädagogisch ausgebildete Quereinsteiger aus der Privatwirtschaft öffnen wollte, an Fahrt aufgenommen. Dazu haben die APESS und das OGBL-Syndikat Erziehung und Wissenschaft (SEW) ihre Kräfte gebündelt, hieß es am Dienstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz.

Seien die Gewerkschaften früher bereits in die Ausarbeitung der Gesetzesvorschläge eingebunden worden, so würden sie von der Dreierkoalition mittlerweile erst dann informiert, wenn der fertige Gesetzestext dem Parlament bereits vorgelegt wurde, kritisierte Jules Barthel (SEW). Es reiche jedenfalls nicht, wenn nur »eine total von der CGFP dominierte Staatsbeamtenkammer« das Gesetzesprojekt zu sehen bekomme und ihren Avis abgeben kann. So lasse man »ganz viele Stimmen außen vor«.

Gegen PPP-Verträge zwischen dem Staat und Privatkonzernen sprach sich Vera Dockendorf (SEW) aus. Letzteren gehe es doch nur um Profitmaximierung und »frühzeitige Kundenbindung«. Der Staat dürfe seinen Bildungsauftrag nicht an private Großkonzerne wie Pearson (ehemaliger Herausgeber der »Financial Times«), IBO oder Cambridge Assessment weitergeben. Das sei aber bei den englischsprachigen Klassen im Escher Jongelycée, im Athenäum und im LML sowie den französischsprachigen im LTC bereits der Fall. »Hier werden Programme, Lizenzen und Abschlußexamen inklusive Korrekturen bei privaten Bildungskonzernen gekauft«, kritisierte Dockendorf. Auch für Apple und Microsoft, die in den vergangenen drei Jahren mehr als zwölf Millionen Euro an luxemburgischen Steuergeldern eingesackt haben, sei die öffentliche Schule längst zu einem »lukrativen Markt« geworden. Apple und Microsoft würden aber keine pädagogischen Ziele mit unseren Schülern verfolgen, sondern privatkapitalistische.

Mit Meischs Steckenpferd »Schulautonomie« und der leider immer früher erfolgenden Spezialisierung und somit Trennung der Schülerschaft ging Gilles Everling (APESS) ins Gericht. Erstere führe zu einem Konkurrenzkampf zwischen den Schulen und zu einer regionalen Chancenungleichheit, letztere dazu, daß sich viele Heranwachsende selbst die Möglichkeit nehmen, später »das zu tun, was sie wirklich interessiert«. Unter DP-Minister Meisch hätten die Mitspracherechte der Gewerkschaften sowie der Schüler- und Elternvertretungen massiv gelitten, klagte Everling. Dazu gehöre, daß die Regierung zwar viel von einem »Bildungstisch« geredet habe, die Umsetzung dieser Initiative aber weiter auf sich warten lasse.

APESS und SEW fordern nicht weniger als »eine grundlegende Diskussion mit allen Akteuren über die künftige Rolle und Ausrichtung der öffentlichen Schule in Luxemburg« sowie in einem ersten Schritt die Wiedereinführung der Lehrerkomitees in allen Lyzeen. Es gehe darum, so Dockendorf, eine Entwicklung wie in Britannien zu verhindern. Jenseits des Ärmelkanals würden zwar 60 Prozent der Lyzeen mit öffentlichen Geldern finanziert, sie seien aber sonst vollständig privatisiert. Seit 1992 gebe es dort sogar ein Ranking, nach dem festgelegt werde, wieviel Geld eine Schule vom Staat erhalte. Das Resultat seien Eliteschulen für wenige und immer mehr »Ghettoschulen« für den großen Rest.

oe

 

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek – Gegen die schleichende Privatisierung der Schule

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