Vor 72 Jahren, am 4. April 1949, wurde die Nordatlantikpakt-Organisation – North Atlantic Treaty Organization, NATO – gegründet. Die Legende besagt, daß sich westeuropäische Staaten durch die Sowjetunion »bedroht fühlten« und sich deshalb mit der »Bitte um militärischen Beistand« an die USA wandten. Die Begründung für die damalige »Bedrohungslüge« war ebenso frei erfunden wie die zahlreichen danach folgenden. Sie diente einzig dazu, den Menschen Furcht einzuflößen, damit sie die beginnende massive Aufrüstung samt Kriegshetze geduldig ertragen lernten. Die Gründung der NATO war einer der Ecksteine für den Kalten Krieg.

Luxemburg gehörte 1949 – ungeachtet einer breiten Protestbewegung im eigenen Land – zu den Gründungsstaaten des Pakts, neben den USA, Frankreich, dem Vereinigten Königreich (samt Malta), Italien, Norwegen, Island, Kanada, Belgien, den Niederlanden und Portugal. Die Tatsache, daß das faschistisch regierte Portugal samt seinen afrikanischen Kolonien von Anfang an zu diesem Kreis auserwählter Staaten gehörte, hinderte die Gründerväter der NATO nicht daran, sich stets das Mäntelchen von »Demokratie und Freiheit« umzuhängen und damit bis heute hausieren zu gehen. Weniger bekannt ist, daß auch das vom faschistischen Diktator Franco unterjochte Spanien bereits 1953 in die Aktivitäten des Kriegspakts einbezogen wurde, mit der Einrichtung eines Flottenstützpunktes bei Rota, dann bei sämtlichen Kriegsplanungen, bis es nach dem Tod des Diktators 1975 offiziell Mitglied wurde.

Nicht oft erwähnt wird, daß nach der Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland am 9. Mai 1955 – exakt zehn Jahre nach der Kapitulation der faschistischen Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkriegs – deutsche Generäle, die sich ihre goldenen Sterne durch Kriegsverbrechen unter dem »Größten Führer aller Zeiten« verdient hatten, auch in die Führungsstäbe der NATO aufgenommen wurden. Ebensowenig findet Beachtung, daß kurz zuvor, am 16. März 1955, USA-Präsident und Ex-General Eisenhower »für den Kriegsfall« den Einsatz taktischer Nuklearwaffen gegen militärische Ziele angekündigt hatte. Und daß erst danach, nämlich am 14. Mai 1955, das Gegengewicht zur NATO, die Warschauer Vertragsorganisation der sozialistischen Staaten unter Führung der Sowjetunion gegründet wurde – nachdem die sowjetische Regierung mit Vorschlägen zur Kooperation mehrmals abgeblitzt war.

Die Existenz der NATO bestimmte über Jahrzehnte vor allem die Entwicklungen in Europa. Als nach den Konterrevolutionen im Osten Europas der Warschauer Vertrag aufgelöst und »Perestroika«-Erfinder Gorbatschow einseitig das »Ende des Kalten Krieges« verkündete, wäre eigentlich entsprechend der Gründungslegende auch die Existenzgrundlage für die NATO entfallen. Daß der Pakt nicht nur heute noch existiert, sondern inzwischen auf 30 Staaten erweitert wurde und weiter massiv aufrüstet, beweist, daß es nicht darum geht, erfundene Bedrohungen abzuwehren, sondern selbst eine Bedrohung zu sein.

Der 72. Jahrestag der NATO ist wahrscheinlich in Amtsstuben in Brüssel und in Washington mit einigen Gläschen Champagner gefeiert worden, in aller Stille. Ebenso in aller Stille, begleitet vom wohlwollenden Schweigen der großen Massenmedien, geschieht gleichzeitig der Aufmarsch Zehntausender Soldaten mit modernster Technik zu neuen Kriegsübungen beim Großmanöver »Defender Europe 21«.

72 Jahre NATO sind 72 Jahre zuviel. Es ist an der Zeit, den Kriegspakt endlich aufzulösen!

 
Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek – 72 Jahre NATO – 72 Jahre zuviel