Wir haben uns die Videos der Kampagne #allesdichtmachen angeschaut. Satire ist das so gut wie nie, dafür vulgärer Libertarismus.

Ein Bekannter fasste es auf Facebook treffend zusammen: Jene deutschen und österreichischen SchauspielerInnen um den „Tatort“-Pathologen Jan-Josef Liefers, die in dutzenden YouTube-Videos über die Corona-Politik Berlins und Wiens witzeln, vollzogen den Schritt „von der ARD zur AfD“. Von der ARD deshalb, weil neben Liefers auch andere TV-Cops wie Ulrike Folkerts und Ulrich Tukur bei der Online-Kampagne „alles dichtmachen“ mitmischen oder bis zum Rückzieher mitmischten. Sie ging unter #allesdichtmachen viral.

Zur AfD deshalb, weil in allzu vielen Videos dümmlich-libertäre bis rechtsextreme Märchen wiedergekäut werden. Das beklatschten etwa AfD-Führerin Alice Weidel und der türkeistämmige Salatnazi Attila Hildmann.

Die ZdA hat alle Videos gesehen und analysiert.

Sozialdarwinismus, doppelt ironisch

Das Lob von rechts war anhand des Personals absehbar. Aus Österreich ist etwa Nina Proll dabei. Der Felix Baumgartner unter den „Vorstadtweibern“ wiederholt im Subtext seinen Servus-TV-Sozialdarwinismus von der Entmündigung, nur ironisch verkehrt als glückliches Heimchen. Ein anderer Beitrag kommt von Roland Düringer, der auf seine Ablehnung von Schulmedizin anspielt.

In diesem Sinne implizieren mehrere Videos scheinbar kerngesunder (und vermutlich privat versicherter), eher junger bis mittelalter reicher Säcke, die Menschheit kümmere sich ganz plötzlich um den Tod, genauer um dessen (nicht anzustrebende, weil widernatürliche) Überwindung.

Das ist eine berechnete, perfide Unterstellung. Mit ihr verhöhnt man bewusst Corona-PatientInnen, die einsam sterben. Sie verspottet Risikogruppen, überarbeitete und mies bezahlte Pflegekräfte und Angehörige, die nicht Unsterblichkeit, sondern schlicht leben wollen. Düringer etwa setzt auf Bewegung an der frischen Luft und gesunde Ernährung als Allheilmittel, nicht als Basis oder Teil eines Lebensstils. Wer sich gesunde Ernährung nicht leisten kann oder Vorerkrankungen hat, wen er eventuell ansteckt, ist ihm genauso egal wie Nina Proll.

Das Lob von rechts war von manchen auch berechnet. Mehrere Mimen weisen präventiv antifaschistische Kritik von sich. Sie distanzieren sich vorweg von der Distanzierung, lassen sich nicht ins rechte Eck stellen. Sie kündigen an, sich künftig nur noch links im Theater hinzustellen, um vom rechten, also linken Eck aus zu klatschen, und so weiter, zwinker-zwinker.

Das Kind am Ende

Und es ist nicht allein Jan-Josef Liefers, der eine Gleichschaltung der Medien und Kritiklosigkeit unterstellt. So meint Nina Gummich, man solle sich „von Meinung befreien“, weil Meinungsfreiheit verunsichere. Werner Eng wiederholt Liefers in anderen Worten. Nadja Uhl erklärt freudig, sie lasse beim Vorlesen von „Des Kaisers neue Kleider“ immer das Kind am Ende weg.

Das alles sagen die genannten Personen, als würden nicht – um jetzt im Lager der Kampagne zu bleiben – landauf, landab verschiedene Kapitalfraktionen für weniger Arbeitsschutz und schnellere Öffnungen trommeln und dafür in bürgerlichen Zeitungen und Parteien Beifall kassieren. Schließlich ist es nur diese Meinung, die das Gros der Videos als alternativ bewirbt.

Wissenschaftsfeindlichkeit

Nicht selten transportiert #alllesdichtmachen – so bei Liefers, Düringer und Eng – eine glasklare Wissenschaftsfeindlichkeit. Kommerzielle Zwänge des kapitalistischen Wissenschaftsbetriebs werden mit grundlegenden aufklärerischen Praxen vertauscht. Widersprüche, sich im Laufe der Zeit erweiternde, gar aufhebende Erkenntnisse (hallo Dialektik) zu Masken „enttarnt“ die Kampagne als genauso sinnlos wie die x‑fach erwiesene Effektivität von Hygienemaßnahmen. Hier schießt Ramin Yazdani den Vogel ab; er setzt mit Blick auf Infektionszahlen Händewaschen mit Yoga gleich. Er vermischt also Zufall und Zusammenhang, was (auch die bürgerliche) Wissenschaft grundsätzlich trennt.

In keinem einzigen Beitrag sind die vergeigten Impfkampagnen in Deutschland und Österreich Thema. Ja, nicht einmal Pharmapatente oder Impfreaktionen werden besprochen. Das Impfen zu verschweigen, ist natürlich perfider, aber auch sicherer, als es – wie Roland Düringer seit Jahren – direkt abzulehnen. Auch so kann man seine politische Stoßrichtung vor der unbedarften, genervten Masse verschleiern. Die Kameraden auf der Corona-Demo checken es.

Kann man es essen? Nein!

Bis auf Thorsten Merten, der Villen für alle fordert (wegen Abstandsregeln) und Nadine Dubois, die den reichen Blockwart gegenüber Mistküblern gibt, sowie zwei Beiträgen zu häuslicher Gewalt ist das Gros von #allesdichtmachen kaum als Satire zu betrachten. Satire, um mal wieder Tucholsky zu bemühen, darf alles, wenn sie nach oben tritt. Das macht Merten, das macht Dubois. Das machen gewissermaßen auch „Tatort“-Kommissar Felix Klare und Jose Barros, wenn sie Home Schooling verballhornen und von der Disziplinierung von Kindern sprechen. Um es mit Christoph und Lollo zu sagen: „Kann man es essen? Nein! (…) Dann muss es wohl Kunstscheiße sein!“

Ja, es ist Kunstscheiße, die vielfach im selben weiß verputzten Altbau geschissen, Pardon, gedreht wurde. Aber es ist keine Satire, zumindest nicht nach Tucholsky. Die Regierenden werden wohl beleidigt, das Regierungs- und Gesellschaftssystem aber nicht infrage gestellt. (Im Gegenteil, die Initiatoren erhielten eine Gesprächseinladung des deutschen Gesundheitsministers, aber das ist ein anderes Thema.)

Stattdessen wird nach unten getreten. Es geht in den meisten Fällen nur um die persönlichen Befindlichkeiten gestopfter KünstlerInnen, nicht um die soziale Lage der Kleinkunst, das Überleben der freien Bühnen, geschweige denn normaler Menschen.

Ihre Bedürfnisse wollen die Gestopften wieder ungestört ausleben, anstatt Solidarität zu üben mit ihren nicht so wohlhabenden Kolleginnen und Kollegen. Dabei machen sie einen Widerspruch zwischen Grundrechten und Solidarität auf, ein typisch liberaler und libertärer Schachzug. Überhaupt die Solidarität, die wird in Anlehnung an echte Corona-Kampagnen am Ende jedes Videos eingefordert, freilich ironisch. Und zum Abschluss, nach einer Aufforderung zur Selbstisolation, folgt in der Regel der nicht ernst gemeinte Wunsch: „Bleiben Sie gesund!“

#nichtganzdicht

Zahlreiche andere SchauspielerInnen (auch aus dem „Tatort“-Universum) verurteilen die Kampagne um Liefers als „#nichtganzdicht“. Sie sei ein Schlag ins Gesicht aller, die aufgrund der Pandemie Sorgen und Ängste verspüren – vor einer Ansteckung, vor Mutationen, um den Job.

Andererseits verteidigt sogar der ein oder die andere im Lockdown vertrottelte Linke #allesdichtmachen. Jens Berger feiert die Kurzfilme auf den „NachDenkSeiten“, gerade jene über die Distanzierung von der Distanzierung. Und Michael Angele meint im linksliberalen „Freitag“ sinngemäß, niemand verstehe Humor. Er vergleicht das ganze gar mit „Dittsche“. Dabei sind es Berger und Angele, die den Humor hier nicht verstehen.

Der ein oder andere Trottelpost empfahl der Kritik: „Haltet mal die Luft an.“ Das ist in Zeiten dieser Pandemie entweder ein bewusst unterirdischer oder unbewusst dummer Spruch.

Die richtigen Fragen

Nun braucht es kein Berufsverbot, wie es sich ein WDR-Rundfunkrat für Jan-Josef Liefers wünschte. Dabei würde der im Vergleich weich fallen.

Sicher, eine richtige Satire-Kampagne allein hätte weder die Kunst gerettet noch die Wohnungsfrage oder Gesundheitskrise gelöst oder das System gestürzt. Satire muss auch nicht Antworten liefern, aber – wie jede Kunst – die richtigen Fragen stellen. Sie soll uns stutzig machen, die Herrschenden in Verlegenheit bringen, im besten Fall zur Gegenwehr motivieren.

Was wir bei #allesdichtmachen sehen, ist kein Liberalismus, schon gar kein Linksliberalismus oder irgendwie fortschrittlich. Dafür offenbart sich ein vulgärer, dummer Libertarismus und Sozialdarwinismus jener Spielart, die Düringer und Proll vertreten.

Was könnte man also statt dummer Videos gut situierter „Tatort“-Kiberer und Konsorten machen, um die Corona-Politik zu zerlegen? Kluge Videos wie jenes von Lutz van der Horst oder das herzzerreißende Stand Up von Thomas Maurer.

Quellen: #allesdichtmachen auf YouTube / NachDenkSeiten / der Freitag / futurezone / Moment

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Quelle: Zeitung der Arbeit – Von der ARD zur AfD