„Nachtigall, ick hör dir trapsen“ – diesen Spruch hat der Berliner Volksmund für verräterische Manöver im Reservoir. Der Vorschlag von SPD-Außenminister Heiko Maas, Ende August alle Corona-Maßnahmen aufzuheben, gehört dazu: In der Schlussphase des Bundestagswahlkampfs die masken-, abstands- und testgebeutelten Bürger mit Erleichterungen zu beglücken, würde ja den Regierungsparteien zugute kommen. Und wenn die Fallzahlen wieder steigen, wird das zurückgenommen – nach der Wahl.

Das Problem des Vorschlags, der nicht nur von Maas kommt und in einen vielstimmigen Parolenkanon fällt: Über die Aufhebung der Maßnahmen samt Stichtag sollte man im Rahmen einer Grundsatzdebatte über den langfristigen Umgang mit Corona sprechen.

Genauer gesagt darüber, welche Risiken wir in Kauf zu nehmen bereit sind. Man kann natürlich, wie es die Briten jetzt vormachen, alles lockern. Das aber würde bedeuten, angesichts der infektiöseren Delta- und vielleicht noch kommender Varianten hohe Inzidenzen hinzunehmen, da das Virus durch den Impffortschritt ja seinen tödlichen Schrecken vermutlich verloren hat. Falls aber ein rasanter Wiederanstieg der Covid-19-Zahlen vermieden werden soll, was zum kleinen Teil vermutlich auch schwere Erkrankungen bedeutet, braucht es bestimmte Maßnahmen noch über den nächsten Winter hinaus.

Über diese Kernfrage muss zeitnah in Politik und Gesellschaft debattiert werden. Sie muss auch entschieden werden und zwar vor der Bundestagswahl, denn dann können die Bürger mit darüber abstimmen. Was wir dank der Erkenntnisse aus eineinhalb Jahren Pandemie aber nicht mehr brauchen, sind ständige Kurswechsel je nach Inzidenzentwicklung sowie politische Corona-Manöver von Heiko Maas und anderen Nachtigallen.

Quelle: nd.DerTag / nd.DieWoche (ehemals Neues Deutschland) – Kommentar zum Ruf nach Aufhebung der Corona-Maßnahmen: Heiko Maas, die Nachtigall