Übernommen von Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek:
Alle, die den Fußball lieben, denken wahrscheinlich oft zurück an all die schönen Tore und tollen Spieler aus Jahrzehnten. Als Kinder fieberte man dem Turnier entgegen, sammelte Klebebildchen und spielte die Spiele auf dem Schulhof nach. Doch es war just das letzte Turnier in den USA im Jahre 1994, welches die Büchse der Pandora öffnete, die sich nicht mehr schließen läßt: Kommerzialisierung und Gier.
Noch bevor morgen Abend Mexiko und Südafrika die 23. Fußball-Weltmeisterschaft der Männer, offiziell »FIFA World Cup« genannt, eröffnen, hat diese Fußball-WM längst ihre Unschuld verloren – sofern sie diese zuletzt überhaupt noch besaß. Wenn FIFA-Präsident Infantino US-Präsident Trump einen eigens erfundenen »Friedenspreis« überreicht, während dieser einen völkerrechtswidrigen Krieg im Iran führt, ist die Grenze zur Realsatire längst überschritten. »Sportswashing«, Profitgier und geopolitische Absurditäten haben das größte Sportereignis der Welt im Griff. Das Sportliche droht zur Kulisse zu verkommen.
Die FIFA betet unermüdlich das Mantra herunter, der Sport sei unpolitisch. Doch selten entlarvte sich diese Formel so radikal wie bei diesem Turnier, abgesehen davon, daß Sport grundsätzlich niemals unpolitisch sein kann. Die iranische Nationalmannschaft reist für ihre Vorrundenspiele in die USA ein – in jenes Land, das sich im Konflikt mit ihrer Heimat befindet. Aus Sicherheitsgründen schlafen die Spieler in Mexiko, um nur für die 90 Minuten auf dem Platz ins Territorium des Kriegsgegners eingeflogen zu werden. Gleichzeitig wurde einem somalischen Schiedsrichter die Einreise verwehrt, der bei der WM das afrikanische Land vertreten sollte. So um seine Anstrengungen gebracht, wird es ihm vermutlich nicht anders ergehen, wie unzähligen Fans, die einfach Pech haben, aus einem dem US-Regime nicht genehmen Teil der Welt zu kommen.
Wer hier noch behauptet, der Rasen ließe sich von der Realität isolieren, verweigert den Blick auf die Welt. Derweil haben Angestellte des WM-Stadions in Los Angeles einen Streik angekündigt, um unter anderem gegen die ICE-Greiftrupps in der Arena zu protestieren. Daß Verbände wie der deutsche DFB eine bewußte »Unpolitisch-Strategie« fahren und Debatten im Keim ersticken wollen, ist eine Reaktion auf das PR-Debakel in Katar. Damals rieb man sich zwischen moralischem Anspruch und sportlicher Realität auf. Doch das laute Schweigen von heute schützt nicht vor der ethischen Misere von morgen.
Denn hinter der politischen Fassade wartet die nackte Kommerzialisierung. Neun Milliarden Euro soll diese erste WM im aufgeblähten 48-Team-Modus generieren. Ein Plus von 50 Prozent. Bezahlen müssen das die Fans: Durch das perfide »Dynamic Pricing« explodieren Ticketpreise in astronomische Höhen von teils mehreren tausend US-Dollar. Daß nun sogar US-Staatsanwälte wegen »künstlicher Verknappung und Verbraucherausbeutung« ermitteln, entlarvt das System endgültig.
Flankiert wird dieser finanzielle Exzeß von einer ökologischen Bankrotterklärung. Mindestens neun Millionen Tonnen CO2 werden durch die gigantischen Reisedistanzen zwischen den 16 Spielorten in die Atmosphäre geblasen. Während die FIFA von Nachhaltigkeit schwadroniert, feiert sie den logistischen Irrsinn als Triumph.
Der Fußball steht, zumindest mit Blick auf die Weltmeisterschaft, am Scheideweg. Er hat sich von der Basis entfremdet, ist zum Spielball autokratischer Allianzen und gieriger Funktionäre geworden. Wenn das Turnier morgen Abend unserer Zeit beginnt, werden wir vielleicht schöne Tore sehen. Doch der fahle Beigeschmack bleibt. Diese WM ist kein Fest des Sports, sie ist der Spiegel einer Welt, in der Moral und Nachhaltigkeit dem Profit und dem politischen Kalkül bedingungslos untergeordnet werden.
Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

