Übernommen von Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek:
Die brutale Entscheidung des Verwaltungsrats von Indorama Ventures, das Werk in Steinfort im kommenden Jahr schließen und alle 100 Beschäftigten entlassen zu wollen, schlug wie eine Bombe ein.
Die Familie des indischen Milliardärs Aloke Lohia, Vorstandsvorsitzender des Konzerns, der einen Umsatz zwischen 13 und 14 Milliarden Dollar und ein Nettovermögen in Höhe von 4,2 Milliarden Dollar hat, ist im Besitz von 65 Prozent der Aktien von Indorama Ventures.
Die Aktionäre machten in den vergangenen Jahren Millionen Profite mit dem Werk in Steinfort, aber es interessiert sie nicht, dass nun 100 Beschäftigten und ihren Familien, die ihr Leben und ihre Zukunft mit dem Betrieb verknüpft haben, praktisch von einem Tag zum andern Arbeit und Einkommen weggenommen werden soll, so dass sie vor dem Nichts stehen werden. So brutal kann Kapitalismus sein!
Vor dem 29. Juni wurden die Beschäftigten und die Personalvertreter zu keinem Zeitpunkt von den Absichten des Konzerns in Kenntnis gesetzt, den Industriestandort zu schließen und die gesamte Belegschaft auf die Straße zu setzen, so Patrick Freichel, Zentralsekretär für Industrie des OGBL, gegenüber der »Zeitung«.
Erst Longlaville, dann Steinfort
Hellhörig sei man auf Gewerkschaftsseite geworden, als vor wenigen Wochen bekannt wurde, dass das Werk von Indorama Ventures in Longlaville schließen werde und die fast 200 Beschäftigten auf die Straße gesetzt würden.
Das Werk in Longlaville, gleich hinter der Luxemburger Grenze unweit von Rodange, lieferte Vorprodukte für den Betrieb in Steinfort, dessen Produktion – die Herstellung und der Vertrieb von Verstärkungsgeweben für die Reifenindustrie – bisher zu 80 Prozent an den französischen Reifenkonzern Michelin ging.
Dass Longlaville und Steinfort geschlossen werden sollen, ist darauf zurückzuführen, dass der Verwaltungsrat von Indorama Ventures beschlossen hat, die Produktion nach Asien auszulagern, weil dort billiger produziert werden kann, insbesondere wegen der deutlich niedrigeren Löhne.
Es geht darum, deutliche Einsparungen vorzunehmen und damit noch mehr Profit für die Aktionäre zu machen. In der kapitalistischen Logik heißt das, dass die Beschäftigten in Longlaville und in Steinfort, die jahrelang ihr Bestes gaben, um dank ihres Engagements und ihrer Kompetenz qualitativ hochwertige Produkte herzustellen und den Betrieb voranzubringen, wie eine heiße Kartoffel fallengelassen werden.
»Für die Gewerkschaften ist das inakzeptabel«
Für den OGBL und den LCGB ist diese Entscheidung vollständig inakzeptabel, so Patrick Freichel, weshalb sie sich konsequent dagegen wehren werden. Erstens um die Arbeitsplätze und das Einkommen der Beschäftigten zu verteidigen und zu verhindern, dass sie kurzfristig auf die Straße gesetzt werden. Dazu haben die Gewerkschaften einen umfangreichen Forderungskatalog entwickelt.
Dabei will man es aber nicht belassen, denn es geht auch darum, den Industriestandort zu erhalten und, sollte Indorama Ventures nicht mehr in Steinfort produzieren wollen, einen industriellen Käufer für den Betrieb zu finden, auch um zu verhindern, dass wie in anderen Fällen, Konzerne, um Extra-Profite zu machen, den Standort teuer verkaufen, um dort den Bau von Luxuswohnungen möglich zu machen.
Die Regierung sei in der Pflicht, sich darum zu kümmern und sich für den Erhalt der Arbeitsplätze und des Industriestandorts einzusetzen, so Patrick Freichel, auch weil Indorama Ventures öffentliche Subventionen erhielt. Wäre es bei einer Schließung oder beim massiven Abbau von Arbeitsplätzen nicht angebracht, dass diese zurückgezahlt werden müssten?
Verhandlungen mit der Geschäftsführung aufgenommen
Die Gewerkschaften wollen jedenfalls alles daran setzen, um die sozialen Interessen der Beschäftigten und ihrer Familien zu verteidigen. In einer Zusammenkunft mit der Geschäftsführung am gestrigen Mittwoch wurde sich darauf geeinigt, dass es einen »Sozialplan« geben wird, allerdings ergänzt durch Elemente eines »Plan de maintien dans l’emploi«, darunter Frühverrentung und Weiterbildungsmaßnahmen. Die Verhandlungen werden am heutigen Donnerstag fortgesetzt. »Wir werden uns bemühen unter den gegenwärtigen Bedingungen die bestmöglichen Zugestände für die Beschäftigten zu erlangen«, so Patrick Freichel.
Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

