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Ökonom:innen fordern Freigabe von Venezuelas Vermögen im Ausland

Übernommen von Amerika21:

Die Zahl der Todesopfer steigt auf fast 3.900. Fachleute kritisieren US Sanktionen als humanitäres Hindernis
Von Lilith Mić

 

Caracas. 113 Ökonom:innen und Akademiker:innen haben die US-Regierung und weitere Staaten in einem offenen Brief dazu aufgefordert, im Ausland eingefrorene venezolanische Vermögenswerte sowie Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Linderung der Krisensituation nach den doppelten Erdbeben vom 24. Juni freizugeben. Venezuelas Interimspräsidentin Delcy Rodríguez wandte sich diese Woche zudem direkt an den britischen König Charles III. und IWF-Chefin Kristalina Georgieva, um blockierte Gelder zugänglich zu machen.

Unter den Unterzeichnenden sind unter anderem Jeffrey Sachs, Isabella Weber und James K. Galbraith. Sie fordern die Aufhebung der Zwangsmaßnahmen gegen die Zentralbank von Venezuela (BCV), Petróleos de Venezuela S.A. (PDVSA), öffentliche Finanzinstitute sowie die Sektoren Bergbau, Erdöl, Bankwesen, Transport, Telekommunikation und Reiseverkehr und betonen: „In dieser Notsituation sind Sanktionen nicht nur kontraproduktiv, sondern verhindern auch, dass die notwendigen Ressourcen diejenigen erreichen, die sie am dringendsten benötigen.“

Zwei Beben der Stärke 7,2 und 7,5, deren Epizentren nahe der Stadt La Guaira lagen, richteten große Schäden an Infrastruktur und Gebäuden im Norden Venezuelas bis in die Hauptstadt Caracas hinein an und forderten nach jüngstem offiziellen Stand fast 3.900 Todesopfer. Fast 18.000 Menschen verloren ihr Zuhause (amerika21 berichtete). Die Vereinten Nationen beziffern allein die Infrastrukturschäden auf bis zu 8,7 Milliarden US-Dollar. Hunderte Gebäude, Schulen, Krankenhäuser und andere Einrichtungen sind betroffen. Für den vollständigen Wiederaufbau werden laut UNDRR bis zu 37 Milliarden US-Dollar benötigt.

Mit der Betonung, dass „die Notlage in erster Linie humanitärer und erst in zweiter Linie politischer Natur ist“, richtet sich der Appell an mehrere Regierungen. Er fordert vom Vereinigten Königreich die Freigabe der rund 31 Tonnen venezolanischer Goldreserven der BCV bei der Bank of England im Wert von etwa 4,2 Milliarden Dollar und appelliert an Portugal, 1,2 Milliarden Dollar zurückzuzahlen, die bei der Novo Banco hinterlegt sind und der Entwicklungsbank Venezuelas (Bandes) gehören – gemäß einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 2023. Vom IWF fordern die Unterzeichnenden Zugang zu fünf Milliarden Dollar aus einer 2021 zugeteilten Sonderziehungsrechte-Allokation sowie einen Nothilfekredit über vier Milliarden Dollar via Schnellfinanzierungsinstrument (RFI).

Andrés Arauz, Forscher am Center for Economic and Policy Research (CEPR) und ehemaliger ecuadorianischer Minister sowie Präsidentschaftskandidat, kritisierte die Blockade dieser Gelder des US-Außenministeriums unter Marco Rubio: Damit die BCV überhaupt wieder Zahlungen über US-Banken abwickeln und internationale Guthaben umtauschen darf, muss Washington offiziell bestätigen, wer die Bank rechtmäßig leitet – diese Bestätigung verweigert Rubios Ministerium bislang.

Die bisherigen US-Hilfen bewerten die Forschenden als unzureichend. Das US-Finanzministerium hatte zwar bestimmte sanktionsbedingte Transaktionsverbote bis zum 23. Oktober ausgesetzt, um die Lieferung von Bergungsgeräten zu ermöglichen, und eine befristete, eingeschränkte Genehmigung für humanitäre Flüge erteilt. Diese Ausnahmegenehmigung berechtigt jedoch ausdrücklich nicht zur Freigabe der eigentlich blockierten Vermögenswerte. Venezuelas in den USA eingefrorene Gelder werden auf elf bis 13 Milliarden Dollar geschätzt. Zugesagt hat Washington bislang lediglich 300 Millionen Dollar an humanitärer Hilfe.

Mark Weisbrot, Co-Direktor des CEPR, bezeichnete die Zurückhaltung venezolanischer Staatsgelder durch die USA und Europa als „barbarischen Akt“ und verwies auf die wirtschaftlichen Schäden der langjährigen Sanktionen: Zwischen 2012 und 2020 erlebte Venezuela mit einem BIP-Einbruch von 74 Prozent die tiefste Rezession der Geschichte in Friedenszeiten. Dies ist mehr als dreimal so stark wie die US-Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Nach Weisbrots Angaben gehen 88 Prozent dieses Verlusts auf die seit 2017 verhängten Sanktionen zurück, die das Land zunehmend von den internationalen Finanzmärkten abschnitten. Arauz, der 2016 selbst für die Bewältigung der Schäden des Erdbebens von Manabí an der ecuadoarianischen Pazifikküste zuständig war, schätzte die wirtschaftlichen Auswirkungen in Venezuela auf etwa zehn Prozent des BIP. Das erfordere einen großen Wiederaufbaueinsatz mit Maschinen- und Technologieimporten, so Arauz.

Zusätzlich fordern die Unterzeichnenden ein umfassendes Moratorium für Venezuelas Auslandsschulden, um Zins- und Strafzahlungen während des Wiederaufbaus auszusetzen.

https://amerika21.de/2026/07/288369/freigabe-vermoegen-venezuela

 

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