Übernommen von Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek:
Sprecher des Globalen Südens
International trat der kubanische Revolutionsführer als eine der profiliertesten Stimmen der Entwicklungsländer und der blockfreien Welt hervor. In einer Rede vor der UNO-Generalversammlung analysierte er 1979 die weltweit vorherrschende Ungleichheit, kritisierte das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd, forderte eine gerechte Verteilung von Ressourcen, Technologien und Lebenschancen und prangerte die globalen Widersprüche an.
»Es wird oft über Menschenrechte gesprochen, aber man muss auch von den Rechten der Menschheit sprechen. Warum müssen einige Menschen barfuß gehen, damit andere in Luxuslimousinen fahren können? Warum müssen einige bettelarm sein, damit andere steinreich sind? Ich spreche im Namen der Kinder der Welt, die kein Stück Brot haben. Ich spreche im Namen der Kranken, die keine Medikamente haben. Ich spreche im Namen derer, denen das Recht auf Leben und Menschenwürde versagt ist.«
Man könne nicht von Frieden sprechen, wenn jedes Jahr Millionen Menschen an Hunger oder heilbaren Krankheiten sterben. Und er warnte: Die Zukunft der Welt werde »apokalyptisch« sein, wenn die gegenwärtigen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten nicht auf friedlichem Weg beseitigt werden.
Seine Analysen verbanden stets soziale Fragen mit Warnungen vor den Folgen imperialistischer Politik. »Das Waffengeklirr, die lauten Drohungen und der Kampf um die Vorherrschaft auf internationaler Ebene müssen aufhören«, mahnte er in der UNO. Statt Ressourcen für Aufrüstung zu verschwenden, entwickelte Kuba unter seiner Anleitung »Waffen, um den Tod zu bekämpfen, um Aids zu bekämpfen, um Krebs zu bekämpfen«. Diese Argumentation verband er früh mit ökologischen Warnungen und wies auf Zusammenhänge zwischen sozialer Ungerechtigkeit und ökologischen Problemen hin.
Bereits 1992 warnte er auf dem UNO-Umweltgipfel in Rio: »Eine bedeutende biologische Gattung ist aufgrund der schnellen und progressiven Beseitigung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen vom Aussterben bedroht: der Mensch.« Fidel Castro kritisierte, dass die Konsumgesellschaften mit 20 Prozent der Weltbevölkerung drei Viertel der Energie verbrauchen und forderte: »Der Hunger muss verschwinden und nicht der Mensch.« – Die sozialen und ökologischen Krisen betrachtete er nie getrennt, sondern als Ausdruck derselben Logik eines ungerechten globalen Systems.
In Lateinamerika wirkte Fidel Castro weit über die Insel hinaus. Seine Unterstützung für antikoloniale Befreiungsbewegungen in Afrika und für linke Kräfte in Mittel- und Südamerika, sein Einfluss auf die Annäherung progressiver Regierungen seit den 2000er Jahren und seine Rolle als strategischer Vordenker einer eigenständigen lateinamerikanischen Integration verliehen Kuba Gewicht, das weit über Größe oder wirtschaftliche Möglichkeiten des Landes hinausging. Das Bündnis ALBA, der Nachrichtensender Telesur und das Staatenbündnis CELAC veränderten dauerhaft die geopolitische Architektur des Kontinents.
Die OAS, jahrzehntelang ein Werkzeug der Außenpolitik der USA, verlor sichtbar an Bedeutung. In Marco Rubios »Bericht«, der den Rückfall der USA in die finsteren Zeiten der McCarthy-Ära ankündigt, wird versucht, interne Probleme der USA, die aus Armut, sozialer Ungleichheit, Rassendiskriminierung, Polizeigewalt, Kriegen, der Besetzung Palästinas, dem Völkermord im Gaza oder der USA-Migrationspolitik hervorgegangen sind, als Folgen einer kubanischen Verschwörung darzustellen. Der Verlust von Washingtons Dominanz im eigenen »Hinterhof« wird auf Fidel Castros Einfluss zurückgeführt und behauptet: »Kubas Angriff auf die Vereinigten Staaten war … eine Revolution gegen die westliche Zivilisation selbst – die zum Teil mit der neuartigen und heimtückischen Methode geführt wurde, die Kinder des Westens dazu zu überreden, sich gegen ihr eigenes Erbe zu wenden.«
Unauslöschbares Erbe
Fidel Castros Vermächtnis ist indes untrennbar mit dem sozialen Modell Kubas verbunden, das das Trump-Regime derzeit endgültig auszulöschen versucht. Trotz der jahrzehntelangen Blockade der USA, trotz wirtschaftlicher Engpässe und geopolitischer Isolation erreichte das Land einst soziale Indikatoren, die international Anerkennung fanden: eine der niedrigsten Kindersterblichkeitsraten Amerikas, nahezu vollständige Alphabetisierung, kostenlose medizinische Versorgung und hohe Lebenserwartung. Kuba entsandte Ärzteteams und Gesundheitsspezialisten in Krisenregionen weltweit – eine gelebte Form internationaler Solidarität, die der Comandante selbst als moralische Verpflichtung verstand.
Fünf Jahre nach seinem Tod wurde 2021 in Havanna das »Zentrum für das Studium und die Verbreitung der Ideen und des Werks von Fidel Castro« eröffnet. Es ist die einzige Institution des Landes, die offiziell seinen Namen trägt – denn Fidel Castro verfügte zu Lebzeiten ausdrücklich, dass keine Statuen, Denkmäler oder Straßen zu seinen Ehren entstehen sollten. Die Einrichtung des modernen Zentrums zeigt Archivdokumente, Reden, interaktive Tafeln sowie multimediale Darstellungen seiner politischen Vorstellungen. Sie verdeutlicht, wie aktuell viele seiner Warnungen heute sind: vor Waffen und Krieg, vor sozialer Spaltung, vor zerstörerischem Konsum und vor dem Verlust ökologischer Lebensgrundlagen.
Fidel Castros politisches Erbe und sein Einfluss in der Welt bleiben – allen Anfeindungen seiner Gegner zum Trotz. Auch für ihn gilt, was Bertolt Brecht über den Kommunismus schrieb: Die Dummköpfe nennen ihn dumm, die Schmutzigen nennen ihn schmutzig und die Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen. Für Kubas Feinde war Fidel Castro ein Diktator, für seine Anhänger ein Befreier. Für viele Menschen im globalen Süden ist er bis heute jedoch vor allem eines: der unermüdliche Verteidiger der »Verdammten dieser Erde«. Sein Einfluss auf die lateinamerikanische Integration, auf Debatten über globale Gerechtigkeit und auf die Suche nach alternativen Entwicklungsmodellen reicht weit in die Gegenwart.
Fidel Castro war überzeugt, dass Geschichte nicht von Privilegierten geschrieben wird, sondern von Menschen, die für ihre Würde und eine andere Welt kämpfen. In diesem Sinne wirken seine Ideen fort – in sozialen Bewegungen, in internationalen Allianzen, in Debatten über Frieden, Umwelt und soziale Gleichheit. Fidel Castro hat die Welt nicht allein verändert. Doch ohne ihn wäre sie eine mit weniger emanzipatorischen Visionen. Auch nach seinem Tod bleiben seine Botschaften für Zigtausende in aller Welt eine Triebfeder des Engagements für Freiheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit.
Der Revolutionsführer selbst hat die Angriffe und Schmähungen derjenigen, die ihre auf sozialer Ungleichheit und Ausbeutung fremder Ressourcen beruhende Herrschaft mit Unterdrückung und Kriegen verteidigen, immer als Bestätigung seines Handels gesehen und kommentierte sie mit einem Satz seines literarischen Helden Don Quijote, der seinem Stallmeister Sancho Pansa erklärt hatte: »Solange die Hunde bellen, Sancho, heißt das, dass wir reiten.«
Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

