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Das vergessene Volk

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek
  • Übernommen von Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek:

Es ist ein schleichender, aber verheerender Präzedenzfall für die globale Ordnung: Das jahrzehntealte Versprechen auf Selbstbestimmung für das sahrauische Volk wird im geopolitischen Betrieb der Gegenwart vollends begraben. Was sich über Jahre durch die diplomatischen Kehrtwenden europäischer Hauptstädte – von Madrid über Paris bis nach Berlin – abzeichnete, hat zuletzt durch die Resolution des UNO-Sicherheitsrates vom 31. Oktober 2025 eine bittere, offizielle Weihe erhalten. Der marokkanische Autonomieplan wird nunmehr als »praktikabelste Lösung« deklariert. Aus dem Recht auf Selbstbestimmung wurde ein Diktat der Geopolitik.

Dieser Schwenk ist kein diplomatischer Durchbruch, sondern die Kapitulation vor vollendeten Tatsachen. Seit der Annexion der Westsahara durch Marokko im Jahr 1975 hat Rabat systematisch Tatsachen geschaffen – durch Ansiedlungspolitik, militärische Absicherung und den Bau des gigantischen Sandwalls, der das Territorium teilt. Während die sahrauische Bevölkerung in staubigen Flüchtlingslagern im grenznahen Algerien ausharrt und zusehen muß, wie die Hilfsgüter immer spärlicher kommen, treibt Rabat die wirtschaftliche Ausbeutung der Region massiv voran. Die riesigen Phosphatvorkommen der Westsahara und die Ausbeutung der fischreichen Gewässer vor ihrer Küste fließen als marokkanische Exportgüter auf den Weltmarkt. Wenn westliche Demokratien und multilaterale Institutionen diese Realität als alternativlos akzeptieren, senden sie ein fatales Signal: Wer eine völkerrechtswidrige Besatzung nur lange genug aufrechterhält und ökonomisch nutzbar macht, wird am Ende belohnt.

Die Motive hinter diesem kollektiven Einknicken sind rein pragmatischer Natur. Marokko ist für die EU ein unverzichtbarer Türsteher in Migrationsfragen, ein wichtiger Partner im Antiterrorkampf und ein strategischer Lieferant für grüne Energie. Im Gegenzug verlangte Rabat stets diplomatischen Gehorsam in der Sahara-Frage – und hat diesen erhalten.

Wie zynisch dieser geopolitische Tauschhandel geworden ist, zeigt sich auf fast groteske Weise abseits der großen Verhandlungssäle. Wenn Jared Kushner und Ivanka Trump – die Architekten des folgenschweren US-Deals von 2020 – einen luxuriösen Privat-Urlaub in der besetzten Küstenstadt Dakhla verbringen, wird die Tragödie der Westsahara endgültig zur Kulisse für westliche Eliten degradiert. Während die Sahrauis entrechtet bleiben und Lkw-Ladungen von Kartoffeln oder Zwiebeln akribisch unter Flüchtlingslagerbewohnern aufteilen, etabliert sich die besetzte Küste ihres Landes als exklusive Tourismusoase, vermarktet als marokkanisches Paradies. Dass dieser Deal auf dem Rücken einer vertriebenen Bevölkerung ausgetragen wird, nimmt man als Kollateralschaden hin.

Doch dieser vermeintliche »Realismus« ist kurzsichtig. Er untergräbt die Glaubwürdigkeit des Westens fundamental. Wie will man künftig im globalen Süden für die Unverletzlichkeit von Staatsgrenzen plädieren, wenn man dieselben Prinzipien vor den Toren Europas aus reinem Opportunismus opfert? Wer das Recht des Stärkeren zur Maxime erhebt, sät langfristig nur neue Instabilität.

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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