Start / Deutschland / Medien / UZ - Unsere Zeit / Gruselkabinett der „Aufarbeitung“

Gruselkabinett der „Aufarbeitung“

Übernommen von Unsere Zeit:

„Neue Zeiten brauchen neues Erzählen“, wirbt die Medien- und Marketingagentur Musealis auf ihren Internetpräsenzen für sich. Die Agentur mit Sitz in Weimar ist spezialisiert auf erlebnis­orientierte mobile „Museen“, die laut Selbstauskunft „Geschichten erzählen mit faszinierenden Bildern, überraschenden Quellen und spannenden Texten“. Eine Agentur wie gemacht also für jene, die in diesen „Neuen Zeiten“, die man auch reaktionär-militaristischen Gesellschaftsumbau nennen kann, die passenden Geschichten vermitteln – mit viel Erleben, wenig Fakten.

So staunten die Schüler einer Neuköllner Schule sicherlich nicht schlecht, als nach den Sommerferien plötzlich ein ganzer Schultrakt gesperrt wurde und sie statt Unterrichts- und Pausenräumen eine gigantische Anlage vorfanden: einen DDR-Escape-Room. Ein Escape Room ist ein sogenanntes Erlebnisspiel, bei dem mehrere Personen in einen oder mehrere thematisch gestaltete Räume eingeschlossen werden. Ziel ist es, innerhalb einer vorgegebenen Zeit durch das Lösen von Rätseln, das Kombinieren von Hinweisen und das Finden von Codes oder Schlüsseln zu entkommen. Beim 40 Quadratmeter großen DDR-Escape-Room geht es laut Werbung darum, Jugendlichen „die Geschichte der DDR auf spannende und verständliche Weise näherzubringen“. Schüler würden hautnah erleben, „wie es war, in einer Diktatur zu leben“, heißt es auf der Internetseite. Die Geschichte der DDR, das Leben in der Diktatur des Proletariats, wird deshalb in ein „typisches“ Wohnzimmer einer ostdeutschen Familie aus dem Jahr 1989 gepackt – samt Multifunktionstisch, „echtem“ DDR-Geruch und natürlich: der Staatssicherheit in deinem Telefon, Kameras in der Wand und der Angst, dass dich jederzeit jemand ins Gefängnis steckt, wie es eine Schülerin in einem Werbevideo für die Macher des Gruselkabinetts berichtet.

Hinter der kostspieligen Anti-DDR-Propaganda steckt die bekannte Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die, vollgepumpt mit öffentlichen Fördergeldern, vor allem den Ostdeutschen ihre eigene DDR-Geschichte umdeuten soll. Im August hat der Kulturstaatsminister und glühende Antikommunist Wolfram Weimer angekündigt, „Gedenkstätten zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der SED-Diktatur“ mit weiteren zehn Millionen Euro zu fördern. Aber auch das Land Berlin pumpt jährlich bis zu drei Millionen Euro in die erlebnisorientierte Geschichtsumdeutung. Man reagiere damit „auf aktuelle demokratiefeindliche Tendenzen und stärkt das Bewusstsein für Freiheit, Mitbestimmung und Verantwortung“, wie es für den DDR-Escape-Room auf der Internetseite propagiert wird. Gemeint ist wohl die AfD im Osten, die sich mit DDR-Kult, Simson-Fahren und Friedensdemagogie den ehemaligen DDR-Bürgern anbiedert. Allerdings soll hier auch das wirkliche DDR-Bewusstsein angegriffen werden, das real-existierende Friedensbewusstsein, den Kriegstreibern gegen Russland nicht auf den Leim zu gehen.

Die Mär von „Freiheit, Mitbestimmung und Verantwortung“ wirkt gerade in einer Stadt wie Berlin eher wie ein schlechter Witz – in einer Stadt, die buchstäblich auseinanderfällt, weil die Milliarden nicht in öffentliche Verkehrsmittel, Schulen und Krankenhäuser fließen, sondern in Hochrüstung und Krieg. Eine Stadt, in der Schülerinnen und Schüler der Schulstreiks gegen die Wehrpflicht mit Repressionen überzogen werden, allwöchentlich Berliner Polizisten in die palästinasolidarischen Demonstrationen knüppeln und in der die Bürger mit neuen Befugnissen für Polizei, Geheimdienst und Verfassungsschutz überwacht und eingeschüchtert werden sollen. Doch eins machen solche Projekte auch deutlich: Den politischen Handlangern von deutscher Staatsräson, Antikommunismus und Kriegstreiberei gegen Russland ist jedes Mittel recht im Kampf um die Köpfe der Jugend. Der DDR-Escape-Room dreht nun seine Runden und kann von jeder Schule „gebucht“ werden. An der Neuköllner Schule hat das Spektakel nach UZ-Informationen aus dem Schulumfeld bislang noch keinen Protest und Unbehagen ausgelöst. Allzu sehr ist in den Lehrerkollegien dieser Republik noch nicht die Erkenntnis oder der Mut gereift, um sich gegen solchen plumpen angeblichen „Geschichtsunterricht“ zu organisieren. Es gilt also, jede kritische Stimme unter Lehrern, Schülern und in den Elternvertretungen zu stärken und dabei gleich für den nächsten bundesweiten Schulstreik am 20. November zu werben.

Quelle: Unsere Zeit

Markiert: