Seit den Weihnachtstagen überbieten sich die Nachrichtenagenturen geradezu mit Meldungen über den Beginn von Impfungen gegen das Coronavirus. In Prag ließ sich der Milliardär und Premierminister Babiš als erster Tscheche vor laufender Kamera die Spritze setzen, in anderen Ländern waren es wahlweise Bewohner von Pflegeeinrichtungen, eine Krankenschwester oder ein Kriegsveteran. Überschriften auf Titelblättern von Zeitungen wie »Das Impfen kann beginnen« sollen offenbar den Eindruck vermitteln, daß nun endlich nicht nur ein Schimmer am Ende des Tunnels zu erkennen ist, sondern daß uns in Kürze das helle Licht der Erlösung von dem Übel der Gesundheitskrise scheinen wird.

Aber ist das wirklich so? Abgesehen davon, daß auch in fast allen ach so reichen EU-Ländern der Impfstoff nur in einer begrenzten Menge zur Verfügung steht und zudem oft noch nicht klar ist, in welcher Reihenfolge die Bürger zum Spritzen eingeladen werden sollen, wird es wohl selbst nach kühnen Berechnungen noch etliche Monate dauern, bis eine ausreichende Zahl Menschen durch den Impfstoff immunisiert sein wird, um die Pandemie als besiegt zu betrachten.

Es wäre müßig, hier noch einmal auf die vielen Unzulänglichkeiten hinzuweisen, die sich im Verlauf der Gesundheitskrise in der Struktur der Europäischen Union offenbart haben. Es ist zumindest deutlich geworden, daß trotz der vielen Diskussionen sich an diesem Zustand nichts ändern wird, und daß die vielbeschworene »europäische Solidarität« nichts weiter ist als eine leere Worthülse.

Und was passiert eigentlich nach dem Impfen? Vorausgesetzt, der Impfstoff, der jeweils zur Anwendung kommt, führt tatsächlich zu dem erhofften Ergebnis – sind damit alle Probleme gelöst? Das sind sie nicht, denn bisher ist bei so gut wie allen Regierungen der EU keine ernsthafte Bemühung dafür zu erkennen, daß das kranke Gesundheitswesen – meist kaputt gespart durch Austeritätsmaßnahmen der EU, zudem immer stärker den Profitzwängen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung unterworfen – demnächst gesunden könnte.

Zwar ist seit dem Ausbruch der Pandemie sehr viel die Rede von Notwendigkeiten zum Beispiel beim Anlagen von Reserven bei den Schutzausrüstungen, doch wird das recht bald weitgehend in Vergessenheit geraten, denn angelegte Reserven schmälern den Profit. Seit Monaten wird heftig auf allen Kanälen darüber diskutiert, daß mehr Personal in allen Einrichtungen des Gesundheitswesens dringend notwendig ist. Es ist jedoch nicht zu erkennen, daß mehr Menschen für Pflegeberufe ausgebildet werden, so daß auch die Arbeitsbedingungen der Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger eine grundlegende Verbesserung erfahren. Es braucht eben viel mehr als nur Applaus und schöne Worte!

Keinerlei Ansatz ist zu erkennen, wenn es darum geht, deutlich mehr Ressourcen dafür bereitzustellen, um das Menschenrecht auf Gesundheitsfürsorge tatsächlich umzusetzen oder dafür zu sorgen, daß Bildung ein Recht ist, und kein Privileg. Stattdessen wird immer mehr Geld für militärische Zwecke ausgegeben, also dafür, das Menschenrecht auf ein Leben in Frieden weiterhin grob zu verletzen.

Alle wesentlichen Maßnahmen, um das Überleben der Menschheit auf Dauer zu sichern, wurden angesichts der Pandemie nach ganz unten auf der Prioritätenliste verschoben – sei es die Idee einer weltweiten Abrüstung, des Verbots aller Atomwaffen, spürbare und nachvollziehbare Maßnahmen für den Klimaschutz oder die wirkliche Beseitigung von Fluchtursachen.

All das wird mit dem Impfen nicht gelöst und gehört ab sofort wieder auf die Tagesordnung!

Uli Brockmeyer
Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek – Unser Leitartikel: <br/>Was kommt nach dem Impfen?