Daß die Corona-Pandemie unser aller Leben auf längere Sicht beeinflußt und verändert, ist unstreitbar. Wenn schon nicht die tagtäglich veröffentlichten Zahlen über Infektionen und über Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus, so sollten doch die Informationen über die Folgen der Pandemie für einen großen Teil der Menschheit aufhorchen lassen. Immer wieder erreichen uns Meldungen über eine massive Verarmung, und das nicht nur in den ohnehin als »arm« bezeichneten Ländern. Auch im angeblich so reichen Luxemburg sind Inhaber und Betreiber von Restaurants und Cafés nahe am Verzweifeln ob der andauernden Verdienstausfälle bei nahezu gleichbleibenden Kosten. Wer zur Kurzarbeit verdonnert wird, muß jeden Monat auf 20 Prozent seines oder ihres Lohnes verzichten – bei gleich bleibenden oder gar steigenden Kosten für die Lebenshaltung.

Gleichzeitig lesen wir immer wieder über die außerordentlichen Zuwächse bei Umsätzen einer Reihe von Großkonzernen und die ins Unvorstellbare steigenden Profite von einigen Superreichen. Das ist der gewöhnliche Kapitalismus, der dafür sorgt, daß die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Und dieser gewöhnliche Kapitalismus hat auch das entsprechende Personal, das dafür zu sorgen hat, daß das alles nicht nur so bleibt, sondern auch dafür, daß die Armen die zunehmende Last zu tragen haben und dabei auch nicht auf die Idee kommen, zu murren oder gar aufzumucken.

So werden immer wieder Themen in die Medien getragen, die dafür sorgen sollen, daß nicht über die eigentlichen Probleme, deren Ursachen und vielleicht sogar über mögliche Lösungen nachgedacht wird. Die aktuellen Diskussionen über die Verfügbarkeit von Impfstoffen ist ein besonders deutliches Beispiel.

In den hiesigen Gefilden hat ein riesiger Lärm eingesetzt, nachdem die Europäische Union sich als zuständig für das Beherrschen der Krise erklärte, obwohl sie sich seit fast einem Jahr Woche für Woche als in jeder Hinsicht unfähig erwiesen hat. Statt dafür zu sorgen, daß bei der medizinischen und pharmazeutischen Forschung eine effektive internationale Zusammenarbeit entwickelt wird, herrscht auch hier wieder eurozentristisches Weltmachtstreben.

Dabei hat man auch die wichtigsten Gegner immer fest im Auge. China ist generell »verdächtig«, denn das Virus kam ja von dort. Also kann eine Lösung des Problems keineswegs aus China kommen. Rußland ist in vieler Hinsicht als Gegner festgelegt, und solange der vom Westen hofierte Nationalist und Berufsblogger nicht den Präsidentenstuhl im Kremls erklimmen kann, solange kann auch kein Vertrauen in russische Forschung oder gar ein Vakzin mit dem provozierenden Namen »Sputnik« aufgebracht werden.

Kuba findet in den Medien, die den hiesigen Luftraum beherrschen, gar keine Erwähnung, obwohl kubanische Wissenschaftler bereits mehrere Impfstoffkandidaten entwickelt haben und trotz umfassender Blockade verkündet haben, 100 Millionen Dosen Impfstoff produzieren zu können – bei einer Bevölkerung von rund 11 Millionen. Welche Blamage für die EU, die angesichts einer Einwohnerzahl von 450 Millionen stolz verkünden läßt, daß ein Pharmakonzern möglicherweise nun doch 40 Millionen statt der bisher in Aussicht gestellten 31 Millionen liefern könnte.

Es ist der übliche Wirtschaftskrieg im gewöhnlichen Kapitalismus, bei dem es darum geht, welcher Konzern den größten Reibach macht, und nicht darum, wie das grundlegende Menschrecht auf angemessene Gesundheitsfürsorge durchgesetzt werden kann.

Uli Brockmeyer

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek – Unser Leitartikel: <br/>Pandemie und Politik