Auch wenn die zu Wochenbeginn vom Statec veröffentlichte Studie »Les syndicats en déclin dans un monde du travail en mutation« wegen ihrer vom OGBL zurecht bemängelten eigentümlichen Zählweise und erst recht wegen ihrer völlig einseitigen Interpretation der erhobenen Daten mit Vorsicht zu genießen ist, so enthält sie doch einige interessante Zahlen. Zum Beispiel zur Entwicklung des gewerkschaftlichen Organisationsgrades in den wichtigsten Sektoren von 2010 bis 2018.

So heißt es unter Berufung auf vom Statec selbst erhobene Daten, im öffentlichen Dienst sei nach wie vor fast jeder Schaffende (Einwohner und Grenzgänger, ohne Arbeitslose) Mitglied einer Gewerkschaft. Ebenfalls sehr hoch sei der gewerkschaftliche Organisationsgrad im Bildungswesen, wo er von 2010 bis 2018 sogar noch auf nun über 90 Prozent zulegen konnte. Auf einem im internationalen Vergleich noch immer hohen Niveau gesunken ist demnach der Organisationsgrad der im Gesundheits- und Sozialwesen Schaffenden – von etwas über auf etwas unter 80 Prozent.

Mit Abstand am stärksten zugelegt hat der gewerkschaftliche Organisationsgrad zwischen 2010 und 2018 im Transportsektor – von knapp 60 auf deutlich über 70 Prozent. Im Ranking folgt der Bausektor, wo der Statec einen leichten Rückgang des Organisationsgrades auf zuletzt knapp 70 Prozent festgestellt haben will. Ähnlich sieht es in der Industrie aus, wo noch immer zwei von drei Schaffenden Mitglieder einer Gewerkschaft sind. Im Banken- und Versicherungssektor ging es von fast 60 auf noch immer gut 50 Prozent zurück, während die erfolgreichen Arbeitskämpfe der Gewerkschaften im Handel dazu führten, daß der Organisationsgrad zwischen 2010 und 2018 auf knapp 40 Prozent zulegen konnte.

Gerade in Wirtschaftsbereichen, in denen der Organisationsgrad 2010 vergleichsweise niedrig war, konnten die Gewerkschaften bis 2018 neue Mitglieder hinzugewinnen. So stieg der Organisationsgrad im Bereich »Andere Dienstleistungen« auf 27 Prozent, im Horeca-Bereich gab es fast eine Verdoppelung auf nun über 20 Prozent und sogar in den Sektoren Informations- und Kommunikationstechnik (ICT) und im wissenschaftlich-technischen Bereich gab es Zuwächse.

Grundsätzlich ist festzuhalten, daß die luxemburgischen Gewerkschaften, die laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Jahr 2010 152.000 Mitglieder hatten, bis 2017 unterm Strich 10.000 Neuaufnahmen mehr als Austritte verbuchen konnten, bevor die Mitgliederzahl dann bis zum Jahr 2019 wieder auf 154.000 zurückging. Laut Studie bedeutet das im Vergleich zu 2017 einen Verlust von 5,4 Prozent und gegenüber 2010 einen Zuwachs um 1,3 Prozent.

Bei diesen Zahlenvergleichen sollte allerdings der im Gewand der »Modernisierung« auftretende neoliberale Umbau der Gesellschaft bedacht werden. Mit Hilfe der Medien mehrheitsfähig gemachte ideologische Versatzstücke wie Forderungen nach »Eigenverantwortung« und Konkurrenz wurden als längst überfällige »Reformen« verkauft und ließen gewerkschaftliche Vorstellungen von Solidarität zunehmend als angeblich »veraltet« erscheinen. Auch deshalb ging der Organisationsgrad als eine der Hauptressourcen gewerkschaftlicher Macht zum Teil zurück.

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek