Arbeitszeitverlängerung ist Sozialabbau

Rezent sorgte der ehemalige deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, ausgestattet mit einem sozialdemokratischen Parteibuch, für Aufregung, als er eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit in seinem Land auf 42 Stunden anregte, um damit dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Die Gewerkschaften in Deutschland reagierten zu Recht erbost, wird in der Diskussion doch wissentlich kein lauter Gedanke daran verschwendet, gut auszubilden und qualitative Arbeitsplätze mit akzeptablen Löhnen zu schaffen, anstatt de facto Sozialabbau zu betreiben. Bei dieser Debatte sollten sich die Salariatsvertreter nicht auf die Nebelkerze einer Diskussion einlassen, ob Dachdecker es weniger lange aushalten, als Büroangestellte. Dies ist nämlich nicht der Punkt: Es muß vielmehr über eine gerechtere Verteilung des unter einer in den Jahrzehnten massiv gestiegenen Produktivität geschaffenen Wohlstands diskutiert werden und nicht, ob ein Bauarbeiter weniger lange kann, als eine Krankenschwester. Sie alle haben schließlich ein Stück vom Kuchen verdient.

Die gleichen Scheindiskussionen finden sich auch in der Diskussion um das Renteneintrittsalter, deren Anhebungsversuche ebenfalls unter der Rubrik Sozialabbau zu verorten sind.

Der immer wieder herbeigezerrte demographische Wandel hängt offenbar wie eine Keule über unseren Köpfen, die, wenn die Lebensarbeitszeit nicht erhöht werde, gnadenlos auf uns hernieder fahre, während die Frage nach Produktivität und Wohlstand traditionell auch hier sehr kurz kommt. Wir werden immer älter, also müssen wir auch länger arbeiten. Klingt logisch? Ist  es aber nicht. Auch die 40-Stundenwoche wird selten attackiert. Sie ist in Stein gehauen und Arbeitszeitverkürzung wird im Kopf immer mit Lohneinbuße zusammengebracht. Man läßt seinen Frust über das scheinbar Unabänderliche lieber mit dem Posten von Facebook-Bildchen, wie »Endlich Feierabend!« oder »Blöder Montag!« zaghaft freien Lauf, ohne sich mit der Thematik zu beschäftigen. Deswegen müssen regelmäßige Kampagnen der Gewerkschaften an dieser Stelle weiter Aufklärung leisten.

Noch vor dem ersten Weltkrieg schufteten die Menschen täglich über zwölf Stunden und erkämpften sich eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Heute peitscht uns der Konsum an, immer mehr zu arbeiten für einen allerhand Konsumgüter. Auf der anderen Seite wächst das Heer der Arbeitslosen als Folge des sinkenden Arbeitskräftebedarfs, viele Jugendliche kommen von der Schule direkt in die Arbeitslosigkeit, und immer mehr Menschen können sich auch einen noch so bescheidenen Wohlstand nicht mehr leisten. Da erscheint es geradezu grotesk, nun zu versuchen, Ältere immer länger im Arbeitsleben zu halten. Dazu kommt, daß die Pandemie viele Menschen, die bisher in Knochenmühlen mit niedrigen Löhnen bei ungünstigen Arbeitszeiten schufteten, auf die Idee gebracht hat, sich etwas Besseres zu suchen. Nun steht man, wie etwa in der Gastronomie vor einem Dilemma. Ist eine Verlängerung der Arbeitszeit die Lösung oder attraktivere Arbeitsplätze?

Der wachsende Druck auf Lohnabhängige, länger und flexibler verfügbar sein zu müssen und die immer komplexere Verbindung zwischen Arbeitsleben und Familie fördert Abnutzungs-Krankheiten, die wiederum Kosten für alle verursachen, dabei würde eine drastische Verkürzung der Lebens- und Wochenarbeitszeit den Menschen ein gesünderes, selbstbestimmteres Leben bieten und zudem Arbeitsplätze schaffen. Es ist also die Frage nach sinnvoller Arbeit, die mit dem Familienleben in Einklang gebracht werden kann und der Gemeinschaft dient oder Arbeitshetze bis zum Lebensende, deren Früchte man nie zu sehen bekommt.

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek