Übernommen von Unsere Zeit:

Vom 30. Oktober bis 1. November wird Nürnberg erneut zum Treffpunkt der linken Gegenöffentlichkeit. Zum 31. Mal lädt die Linke Literaturmesse ins Künstlerhaus, direkt gegenüber dem Hauptbahnhof. Über 70 linke Verlage präsentieren ihre Bücher. Mehr als 65 Buchvorstellungen und Lesungen stehen auf dem Programm. Drei Tage lang geht es um die gesellschaftlichen Konflikte unserer Zeit: um Kriegsvorbereitung und Sozialabbau, um den Rechtsruck, um die Geschichte linker Bewegungen und um die Frage, wie aus Kritik politisches Handeln werden kann.
Das Eröffnungspodium am Freitagabend bringt diese Fragen auf den Punkt. Unter dem Titel „Sozialer Kahlschlag, Kriegsvorbereitung, Rechtsruck und reaktionärer Staatsumbau – was tun?“ diskutieren Duygu Kaya, Dominik Dogu, Martin Schirdewan und Frank Kugler über politische Handlungsmöglichkeiten jenseits der bloßen Empörung. Wählen, boykottieren, blockieren, streiken? Die Diskussion setzt bei den Angriffen auf Einkommen, soziale Sicherung und Lebensstandard an und fragt, wie sich die arbeitende Klasse gegen Militarisierung und reaktionäre Entwicklungen zur Wehr setzen kann. Dabei geht es nicht nur um unterschiedliche Formen des Protests, sondern um deren Möglichkeiten und Grenzen – und darum, wie sich gesellschaftliche Kräfteverhältnisse tatsächlich verändern lassen.
Wie eng Aufrüstung und soziale Angriffe zusammenhängen, zeigen weitere Veranstaltungen am Wochenende. Ulrike Eifler stellt am Sonntag ihr Buch „Die Rechnung zahlen wir! Aufrüstung, Sozialabbau und die Aufgabe der Gewerkschaften“ vor. Sie fragt, wie der Umbau zur Kriegstüchtigkeit in Betriebe, Schulen, Pflege und Gewerkschaften hineinwirkt, und was das für Tarifrechte, Mitbestimmung und soziale Errungenschaften bedeutet. Jürgen Wagner nimmt mit „Kriegstüchtig an allen Fronten“ die Verbindung von Aufrüstung und Sozialabbau in den Blick. Beide Veranstaltungen stellen damit eine Frage, die weit über die Friedensbewegung hinausreicht: Wer bezahlt die Kriegsvorbereitung – und wie lässt sich verhindern, dass die Beschäftigten die Kosten tragen?
Auch die Krise der deutschen Industrie ist Thema. Manfred Sohn stellt am Samstag „Menetekel VW“ vor. Am Beispiel des Autokonzerns geht es um den Abbau von Industriearbeitsplätzen, um gewerkschaftliche Ratlosigkeit, aber auch um Ansätze von Gegenwehr. Die Auseinandersetzung berührt damit eine zentrale Frage linker Politik: Wie können Beschäftigte dem Druck des Kapitals etwas entgegensetzen, statt Arbeitsplatzabbau und Standortkonkurrenz als alternativlos hinzunehmen?
Dass politische Kämpfe eine Geschichte haben, zeigt das Programm an vielen Stellen. Jörn Schütrumpf stellt seine Veröffentlichung „Clara Zetkin. Der deutsche Stalinismus“ vor. Zwei Briefe aus dem Jahr 1929 geben Anlass, über Zetkins Kritik an der Politik der KPD-Führung und über die Bedeutung von Massenverbundenheit, Öffentlichkeit und Ehrlichkeit für revolutionäre Politik zu diskutieren. Weitere Veranstaltungen widmen sich der kommunistischen Arbeiterbewegung in Deutschland, der Geschichte der Roten Hilfe und den revolutionären Kämpfen vergangener Jahrzehnte. Geschichte erscheint hier nicht als abgeschlossener Gegenstand, sondern als Material für die Auseinandersetzung mit Fragen der Gegenwart.
Internationalistische Perspektiven gehören ebenfalls zum Programm. Die Veranstaltung „Antimilitaristische Publizistik unter Beschuss“ thematisiert den wachsenden Druck auf antimilitaristische und internationalistische Positionen. Andere Beiträge beschäftigen sich mit den politischen Entwicklungen in Argentinien, Nicaragua und Russland. Sie fragen nach den Bedingungen linker Politik, nach autoritären Entwicklungen und nach Möglichkeiten, ihnen entgegenzutreten.
Ein konkretes Zeichen internationaler Solidarität setzt die für Sonntag angekündigte Kunstauktion von „Cuba Libre“. Versteigert werden kubanische Karikaturen. Der Erlös geht zur Hälfte an die kubanischen Künstler und zur anderen Hälfte in kubanische Solaranlagen. Damit verbindet die Messe politische Auseinandersetzung mit einem praktischen Solidaritätsprojekt für den Tropen-Sozialismus.
Die Linke Literaturmesse ist Verkaufsmesse, Veranstaltungsort und Treffpunkt zugleich. Hier begegnen sich unterschiedliche Strömungen der Linken, Verlage, Autorinnen und Autoren sowie Menschen, die sich mit den herrschenden Verhältnissen nicht abfinden wollen. Das Programm reicht von marxistischer Theorie und Arbeiterbewegungsgeschichte über Antimilitarismus und antifaschistischen Widerstand bis zu Fragen der Ökologie und gesellschaftlichen Organisation.
Die Messe wird von Menschen organisiert, die ihre Arbeit ehrenamtlich leisten. Sie lebt von Verlagen, die ihre Bücher zugänglich machen, und von einem Publikum, das sich die Zeit nimmt, zu lesen, zu diskutieren und Widerspruch auszuhalten. In einer politischen Lage, in der Aufrüstung als Sachzwang, Sozialabbau als Notwendigkeit und der Rechtsruck als bloßes Wahlproblem behandelt werden, schafft sie Raum für Analysen, die an den gesellschaftlichen Ursachen ansetzen – und für die Suche nach Wegen, gemeinsam handlungsfähig zu werden.
31. Linke Literaturmesse
Freitag, 30. Oktober: 19 bis 22 Uhr. Eröffnungspodium: 20 Uhr
Samstag, 31. Oktober: 10 bis 22 Uhr
Sonntag, 1. November: 10 bis 15 Uhr
Künstlerhaus, Königstraße 93, Nürnberg
Eintritt frei
Programm: linke-literaturmesse.org
Quelle: Unsere Zeit

