Während die Zahl der COVID-19-Neuinfektionen in Indien und den am stärksten von der Pandemie heimgesuchten westeuropäischen Ländern derzeit leicht sinkt, verharrt sie in den USA auf hohem Niveau. Mehr als 14 Millionen Menschen haben sich dort bislang infiziert, zuletzt kamen 180.000 Infektionen an einem Tag hinzu, fast 100.000 Patienten werden derzeit im Krankenhaus behandelt und der tägliche Anstieg der bald 280.000 Coronatoten in den USA lag am Donnerstag bei 1.800.

Ein Ende des von der Trump-Regierung zu verantwortenden Massensterbens, von dem Menschen ohne Krankenversicherung, Arme, Alte, Menschen mit Behinderung, Afroamerikaner, Latinos und nicht zuletzt die rund zweieinhalb Millionen Gefängnisinsassen in den USA überdurchschnittlich stark betroffen sind, ist nicht abzusehen. Der »hart arbeitende Amerikaner«, der ja gerade erst in so ziemlich jeder Wahlkampfrede des Noch-Präsidenten und President-elect Biden bemüht wurde, hat in der Coronakrise verloren.

Hingegen ist die Krise dem »Big Business« auf der anderen Seite der kapitalistischen Medaille wie eine Badekur bekommen. Das Kapital weigert sich, die Löhne für krankgeschriebene oder unter Quarantäne gestellte Schaffende weiterzubezahlen, streicht die Gefahren- und andere Zulagen und enthält den Schaffenden, die am Arbeitsplatz erscheinen, eine adäquate Schutzausrüstung und Coronatests vor.
Der Befund ist nicht neu: In jeder Krise, ob Naturkatastrophe oder Krieg, gibt es Kapitalisten, die mit der Krise reich bzw. noch reicher werden. Doch das Ausmaß der Coronakrise in den USA hat längst die Schwelle zum Massenmord durch Unterlassen überschritten. In den USA hat die Pandemie in den ersten elf Monaten viermal so viele Menschenleben gekostet wie USA-Soldaten im elfjährigen Krieg gegen Vietnam starben, und bald werden mehr USA-Bürger COVID-19 zum Opfer gefallen sein als die 290.000 auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs gefallenen USA-Soldaten.

Laut einer Anfang November von der öffentlichen USA-weiten Medienanstalt APM veröffentlichten Untersuchung ist die Gefahr für einen Afroamerikaner, an COVID-19 zu sterben, mehr als doppelt so hoch wie für einen weißen USA-Bürger. Noch eklatanter ist der Unterschied zwischen jungen US-Amerikanern. Hier ist die Sterblichkeitsrate bei Schwarzen, Indigenen und Latinos jeweils mindestens dreimal so hoch wie bei gleichaltrigen Weißen.

Damit haben wir es in den USA mit Völkermord zu tun – zumindest wenn man die Definition des unter anderem von der Kommunistischen Partei der USA unterstützten Civil Rights Congress (CRC) von 1951 zu Grunde legt, der in einer Petition an die UNO einen von der USA-Regierung fortwährend verübten »Genozid« an schwarzen Menschen anklagte (»We Charge Genocide: The Crime of Government Against the Negro People«).

Auch die UNO-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords definiert diesen als »Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören«.

Oliver Wagner

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek – Unser Leitartikel: <br/>Massenmord durch Unterlassen