Wirtschaft & Gewerkschaft 

Nichts zu verteilen?

Seit dem 1. März ist die Friedenspflicht in der Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie beendet. In der ersten Streikwoche haben über 227.000 Beschäftigte* die Arbeit niedergelegt. Die Wut ist groß, dass trotz der bescheidenen Forderungen der IG Metall nach 4 Prozent mehr Lohn beziehungsweise Arbeitszeitverkürzung mit Teillohnausgleich zur Beschäftigungssicherung kein Angebot der Unternehmer vorliegt. Im Gegenteil: Die Angriffe auf tarifliche Errungenschaften wie Schichtzuschläge, Pausenregelungen, Alterssicherung und Kündigungsschutz werden immer frecher.

Das Kapital – vorneweg Daimler-Personalvorstand Winfried Porth, der seit November 2020 auch Chef des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall ist – bläst zum Angriff auf die Flächentarife und das Lohnniveau. Beides soll nur noch gelten, wenn es den Unternehmen gut geht. Wenn nicht, soll es ohne Verhandlungen Abweichungen nach unten geben – zur „Kostenentlastung“. Eine solche Verbetrieblichung der Tarifverträge wollen die Konzernchefs schon lange. Einheitliche Flächentarife und Löhne, gemeinsame Haltelinien und gleiche Ausgangsbedingungen für die Belegschaften – das alles wäre obsolet. Daran zeigt sich die historische Dimension dieser Angriffe und die Notwendigkeit, ihnen entschlossenen Widerstand entgegenzusetzen.
Seit Monaten tönt es von allen namhaften Konzernchefs, dass Umsätze und Profite eingebrochen seien und es nichts zu verteilen gäbe. Das Lohnniveau müsse sinken, eine starre 35-Stunden-Woche passe nicht mehr in die Zeit. Doch die Bilanzpressekonferenzen zeigten ein ganz anderes Bild. Daimler zum Beispiel konnte trotz Pandemie seinen Profit massiv steigern, von 4,3 Milliarden Euro 2019 auf 6,6 Milliarden Euro im vorigen Jahr. Die Aktionäre erhalten eine um 28 Prozent höhere Dividende. Und auch für Porth bleibt etwas übrig: Ein um fast 40 Prozent höheres Gehalt 2020 – 3,004 Millionen Euro gegenüber 2,199 Millionen Euro im Vorjahr. Es gibt nichts zu verteilen?

Die Kolleginnen und Kollegen bei Daimler bekommen eine 500-Euro-Prämie für 2020. Verloren haben sie viel mehr. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Produktion waren viele Monate in Kurzarbeit, den Angestellten wurde die Arbeitszeit um zwei Stunden pro Woche gekürzt – ohne Lohnausgleich. Das sind im Monat 7 Prozent weniger Lohn.

Dafür haben sie tagtäglich ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt. In der Produktion müssen sie Schulter an Schulter arbeiten, unter erschwerten Bedingungen. Das Arbeiten mit Maske ist nicht nur anstrengend, sondern birgt immer noch ein Ansteckungsrisiko. Diese Gefahren werden heruntergespielt und es wird behauptet, alle notwendigen Hygiene- und Schutzmaßnahmen würden eingehalten. Dabei soll der Inzidenzwert im Werk dreimal so hoch sein wie der Durchschnittswert in Baden-Württemberg. Kollegen erzählen, dass selbst bei Ansteckungen mit den gefährlichen Virusmutationen die Mitarbeiter aus dem direkten Umfeld so lange weiterarbeiten, bis auch sie positiv getestet sind.

Viele Angestellte arbeiten seit fast einem Jahr im Home-Office. Für das Kapital ist das sehr produktiv. Die Beschäftigten mussten ihren Alltag dafür vollkommen umbauen. Für sie und ihre Familien wächst der Stress – insbesondere für die Frauen, die seit vielen Monaten Kinderbetreuung, Home-Schooling und Home-Office unter einen Hut bringen müssen.

Diese Widersprüche sind vielen Kolleginnen und Kollegen bewusst. Sie bringen ihren Unmut und Ärger in den Aktionen zur Tarifrunde zum Ausdruck und brauchen Solidarität. Es gibt viel zu verteidigen und auch viel zu verteilen – von oben nach unten.

 

*Anmerkung der Redaktion: Die IG Metall hatte am Morgen des 9.3. zunächst 327.000 Warnstreikende gemeldet, diese Zahl jedoch korrigiert.

 

Quelle: UZ – Unsere Zeit – Nichts zu verteilen?

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