Diskussionen über Kuba lösen bei westlichen Konservativen, Sozialdemokraten, Grünen und auch manchen, die sich als links bezeichnen, häufig einen nahezu identischen Reflex aus. Anders als bei Gesprächen über Kolumbien, Brasilien, die USA oder »Europa« müsse beim Thema Kuba – egal, worum es geht – immer auch vorrangig »die dortige Menschenrechtslage« berücksichtigt werden, fordern sie unisono. Gemeint sind dabei meist bürgerliche und politische Rechte, denn von den wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Menschenrechten hat Kuba mehr verwirklicht als die EU-Staaten, von den USA ganz zu schweigen.

Anders als in der EU sind das Recht auf Arbeit und Wohnung oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Kuba nicht nur in der vom Volk per Abstimmung legitimierten Verfassung verankert, sondern auch im Alltag eine Selbstverständlichkeit. Niemand muß fürchten, aus seiner Wohnung geworfen zu werden, weil die von Spekulanten in die Höhe getriebene Miete nicht mehr bezahlt werden kann. Wer in Kuba berichtet, daß weibliche Beschäftigte in Deutschland für vergleichbare Arbeiten im Jahr 2020 durchschnittlich noch immer 18 Prozent weniger Lohn bekommen als Männer, erntet ungläubiges Kopfschütteln. Und daß in Kuba eines der elementaren Grundrechte, das Recht auf Leben, besser verwirklicht ist als in den meisten anderen Ländern der Welt, kann angesichts der Erfolge des staatlichen Gesundheitssystems bei der Bekämpfung der Coronapandemie auch von erbitterten Antikommunisten nicht bestritten werden.

Auch beim Recht auf Bildung, im Artikel 26 eines der festgeschriebenen Menschenrechte der Allgemeinen Erklärung der Vereinten Nationen, liegt Kuba im globalen Vergleich auf einem der vorderen Plätze. Während laut UNESCO im vergangenen Jahr noch 13 Prozent der Weltbevölkerung, das entspricht rund 755 Millionen Menschen, Analphabeten waren, wurde die Inselrepublik dank einer bis heute beispiellosen Bildungsoffensive bereits vor 60 Jahren zum ersten vom Analphabetismus befreiten Land auf dem amerikanischen Kontinent. »Das ist Sozialismus«, erklärte Revolutionsführer Fidel Castro im Dezember 1961 den einfachen Grund für den Erfolg der damaligen Kampagne.

Noch heute sind große Teile der Welt weit davon entfernt, dem Beispiel Kubas zu folgen, obwohl in den globalen Nachhaltigkeitszielen der UNO beschlossen wurde, daß bis 2030 alle Jugendlichen und ein erheblicher Anteil der Erwachsenen lesen und schreiben können sollten. Einen der Gründe dafür hatte schon der frühere deutsche Bundeskanzler Willy Brandt in einem 1987 erschienenen Essay ausgemacht: »Leute, die ihre Absichten verschleiern, indem sie Menschenrechte vorschieben, wo Besitz- oder Machtinteressen gemeint sind, handeln nicht nur zynisch und heuchlerisch, sie gefährden auch die politische Lösung großer sozialer Probleme.«

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek – »Das ist Sozialismus«