Mit ihren 95 Jahren hat Queen Elizabeth II., im Hauptjob Monarchin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland, schon einiges erlebt. Was ihr am 30. November dieses Jahres widerfahren ist, war jedoch nicht alltäglich: Sie wurde als Königin abgesetzt. Freilich, nicht zuhause in England, Schottland, Wales und Nordirland, wo man sie weiterhin aushält, aber zumindest im Karibikstaat Barbados. Dieser wurde mit dem jüngsten Monatswechsel in eine Republik umgewandelt. Das bisherige Staatsoberhaupt, eben Elizabeth II., „von Gottes Gnaden Königin von Barbados“, musste abdanken – ersetzt wurde sie durch die gemeine Bürgerliche Sandra Mason, die nun als erste Präsidentin des Landes amtiert.

Für Barbados geht damit die Kolonialgeschichte endlich in aller Form zu Ende. Im Jahr 1563 nahmen portugiesische Seefahrer die Insel in Besitz, nachfolgende Spanier verschleppten die gesamte indigene Urbevölkerung – Arawak und Kariben – zur Sklavenarbeit auf das lateinamerikanische Festland. 1625 übernahm England das zu diesem Zeitpunkt unbesiedelte Gebiet im Südosten der Kleinen Antillen und setzte große Pläne um: Es wurden Zuckerrohrplantagen etabliert, die zunächst mit v.a. irischen Vertragsknechten betrieben, dann aber doch auf afrikanische Sklaven umgestellt wurden. Es dauerte bis 1838 und bedurfte der großen Sklavenrevolte von 1816, dass die Sklaverei auf Barbados gänzlich abgeschafft werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Insel schon seit beachtlichen 200 Jahren über ein Parlament, jedoch selbstverständlich nur für die weißen Plantagenbesitzer. 1950 durften (weiße) Frauen wählen, mit der Unabhängigkeit von Barbados von Großbritannien im Jahr 1966 waren sodann endlich alle Einwohnerinnen und Einwohner gleichermaßen am bürgerlich-demokratischen System beteiligt – nämlich auch jene rund 90 Prozent, die Nachfahren ehemaliger afrikanischer Sklaven sind. Trotz Unabhängigkeit blieb jedoch Queen Elizabeth II. in Personalunion sowie als Haupt des Commonwealth auch Staatsoberhaupt von Barbados.

Politisch-historisch hat die Insel faktisch ein Zwei-Parteien-System, repräsentiert durch die sozialdemokratische Barbados Labour Party (BLP) und die ebenfalls sozialdemokratische Democratic Labour Party (DLP), wobei letztere eine Nuance weiter links steht. Nach den letzten Parlamentswahlen 2018 stellte jedoch nur noch die BLP Abgeordnete, da sie ihre Kandidaten in allen 30 Wahlkreisen durchbrachte – es gibt ein entsprechendes Mehrheitswahlrecht –, während die zuvor noch die Regierung führende DLP alle Mandate verlor. Ein Parlamentarier verließ jedoch die BLP-Fraktion und bekennt sich seither zur neuen „Volkspartei für Demokratie und Entwicklung“, die halb sozialdemokratisch und halb christlich-sozial zu verstehen ist. Als Premierministerin fungiert nichtsdestotrotz seit 2018 Mia Amor Mottley, mit einer soliden BLP-Parlamentsmehrheit von 29 von 30 Sitzen. Sie war es auch, die für 2021 die Ersetzung der Monarchie durch eine Republik versprach, nachdem eine gleichlautende Zusage der DLP von 2016 nicht eingehalten worden war. Nun kam es per 30. November 2021 also zur Umsetzung.

Wirtschaftlich hat die außerordentliche Bedeutung des Zuckerrohranbaus längst ihre Dominanz verloren. Von größerer Relevanz sind inzwischen der Finanzbereich – Barbados gilt als „Steueroase“ für reiche Ausländer – sowie insbesondere natürlich der Tourismus. Darüber hinaus wird vor der Küste Erdöl gefördert. In Relation zu manch anderer Karibikinsel ist das Durchschnittseinkommen der etwa 280.000 Einwohner von Barbados etwas höher und mit ostmitteleuropäischen Ländern vergleichbar, auch andere Indikatoren zum Lebensstandard sind ähnlich. Der reichste Mensch aus Barbados ist die Sängerin Rihanna, die neben ihren Charterfolgen auch auf Kosmetik und Mode setzt – ihr Vermögen wird auf 1,7 Milliarden US-Dollar geschätzt. Der eine oder andere Cent davon fließt in Sozialprojekte in ihrer Heimat.

Da kann das Vermögen der abgesetzten Queen übrigens nicht ganz mithalten, wenn man sie nur als Privatperson betrachtet – aber die ist ja jetzt für Barbados ohnedies nicht mehr zuständig: Hier gilt sie nur noch als Elizabeth Windsor-Mountbatten. Mit der Republikwerdung von Barbados ist sie jetzt übrigens „nur“ noch Staatsoberhaupt von 15 verbliebenen Commonwealth-Realms, darunter neben dem Vereinigten Königreich immerhin auch Kanada, Australien, Neuseeland und Jamaika. Seit ihrer Thronbesteigung im Jahr 1952 hat Elizabeth II. somit 16 Titel verloren, darunter u.a. in Malta, Südafrika oder Pakistan, wo Republiken entstanden. Sollte diese Tendenz anhalten und möchte man sie hochrechnen, so wären um das Jahr 2090 die letzten Kronverluste für das Haus Windsor zu erwarten. Das freilich müsste Elizabeth II. dann nicht mehr miterleben – sie wäre wohl „not amused“. Wie auch immer: Die Republik Barbados ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Quelle: Die Presse

Quelle: Zeitung der Arbeit – Queen Elizabeth II. als Königin abgesetzt