Ein Grußwort von Tino Eisbrenner

Am 16. April jährt sich der 136. Geburtstag des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann (1886 – 1944). Er stand seit 1925 der Kommunistischen Partei vor, 1933 verhaftet und eingekerkert, ermordeten die Nazis ihn 1944 im KZ Buchenwald. Der Musiker und UZ-Kolumnist Tino Eisbrenner hält die folgende Rede auf der Kundgebung der DKP Rostock am 16. April um 11 Uhr, vor dem Thälmann-Denkmal in Reutershagen.

Am selben Tag finden in Berlin und Hamburg weitere Genkveranstakltung statt. Um 14 Uhr findet in Berlin eine Kundgebung des „Freundeskreis Ernst Thälmann e.V.“ unter dem Motto „Stoppt die Bundeswehr nicht erst vor Stalingrad! Schluss mit Waffenlieferungen und Aufrüstung!“ vor Ernst-Thälmann-Denkmal im Ernst-Thälmann-Park, Greifswalder Straße, statt. Ebenfalls um 14 Uhr laden in Hamburg das Kuratorium der Gedenkstätte Ernst Thälmann, DKP, KPD, VVN-BdA, DIDF und andere linke Organisationen zu einem Festakt in die Gedenkstätte Ernst Thälmann, Tarpenbekstraße 66, ein.

 

Wieder ein Thälmann-Geburtstag – länger ist „Teddy“ schon tot, als er leben durfte – und wieder finden wir uns in Gedenken an ihn, sein Leben, Wirken und sein Sterben für eine politische Vision, für eine politische Haltung. Und wieder sind wir zu wenige – und immer noch und wieder stehen wir den gleichen Gegnern gegenüber, die schon Ernst Thälmann und seine KPD zu bezwingen suchten. Skrupel- und rücksichtslose Profitgier auf Kosten des Volkes, Wirtschaftsarmut, auch wachsende Bildungsarmut der Massen, mangelnde kulturelle Bildung, korrupte Politik, Kriegshetze gegen andere Völker, Religionen, Ethnien und gegen Andersdenkende im eigenen Land. All das gab es zu Thälmanns Zeit und all das blüht noch oder wieder auch im Deutschland von heute. Und gleichzeitig ist heute der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, dass sich die linken Kräfte in Deutschland, ja sogar in der Welt, so uneinig sind wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Das mag einerseits am veränderten Erscheinungsbild der Arbeiterklasse liegen, wie oft analysiert wird. Das mag andererseits am weltweit gescheiterten Sozialismus liegen, der viele Scherben zurückließ und wenig Mut.

Ich als linksdenkender und parteilos links engagierter Künstler möchte aber behaupten, es liegt vor allem an der abnehmenden linken kulturellen Bildung und an der fehlenden Pflege unserer linken kulturellen Tradition. Denn aus dieser Tradition heraus entstünden linkes Bewusstsein, gegenseitiges Verständnis, Stolz und Mut zu gemeinsamem Denken und Handeln – auch über Parteigrenzen hinaus. Wo man die eigene kulturelle Tradition kappt und nach „neuen Lesarten“ der eigenen Geschichte und eigenen Helden, wie Ernst Thälmann, trachtet, um in der „Mitte der Gesellschaft“ akzeptiert und finanziert zu werden…, wo man generationsbedingt oder auch gesinnungsbedingt Namen wie Artur Becker, Ernst Busch oder auch Victor Jara, Mikis Theodorakis, Maxim Gorki oder Michail Scholochow googeln muss, aber selbstbewusst eine linke Karriere anstrebt, dort kann nichts anderes herauskommen, als eine linke Karriere, die eher als link statt links zu bezeichnen ist.

So wie man kein glaubhafter Soulmusiker sein kann, wenn man Gospel und Blues nicht atmet, so wird die linke Bewegung verkümmern, solange sie ihre eigene kulturellen Traditionen und ihre eigenen Helden vergangener Epochen mit Füßen tritt oder überhaupt nicht kennt, weil sie von ihr selbst der Vergessenheit preisgegeben wurden. Das Drama besteht nicht darin, dass der politische Gegner keine Blumen an die verbliebenen Ernst Thälmann Gedenkstätten legt – das Drama ist, dass Menschen aus unseren eigenen Reihen fehlen. Und so manche von ihnen fehlen, weil sie dem System gefallen oder mindestens von ihm nicht schlecht angesehen werden wollen. Was damit aber trotzdem nicht zu erreichen ist.

Ja, es wurden viele Fehler gemacht in den verschiedenen Epochen linken Widerstandes gegen den Kapitalismus und seine extremsten Auswüchse, wie faschistische Diktaturen und Krieg… Schwerwiegende, groteske, brutale, dumme und hilflose Fehler. Aber den größten Fehler von allen machen wir, wenn wir nicht mehr darüber diskutieren. Wenn wir es dem politischen Gegner überlassen, ob und wie linke Tradition und Geschichte vermittelt und gelehrt wird. Wir sehen an unseren Schulen heutzutage, was dabei herauskommt. Gähnende Leere auf dem linken Auge bis zur Diffamierung der linken Ideen. Und inzwischen sind wir nicht einmal mehr davor gefeit, dass wir sogar in den eigenen Reihen Freund und Feind nicht mehr unterscheiden können, weil uns der Standpunkt fehlt, von dem aus man so etwas für gewöhnlich einschätzt.

Wenn wir nicht sofort damit beginnen, die kulturelle linke Bildung unter uns bekennenden Linken – parteiunabhängig u n d parteiübergreifend – zu organisieren, wird es schon bei den nächsten Wahlen keine nennenswerte linke Kraft und Bewegung mehr geben. Eigene Seminare, eigene Diskussions-runden, eigene Feste, eigene Bündnisse parteiunabhängig links! Und damit wäre ich wieder bei Ernst Thälmann, der uns die Behauptung der linken Identität und kulturellen Tradition, seine Haltung zur Idee des Kommunismus und die Hoffnung auf ein starkes linkes Bündnis als sein Erbe hinterließ. Trotz alledem!

Quelle: Unsere Zeit