Am kommenden Wochenende ist auch der Oktober zur Hälfte vergangen, und nicht nur die Temperaturen und die frühe Dunkelheit, sondern in steigender Zahl auch die Auslagen der Geschäfte zeugen davon, daß bald wieder die »besinnliche Jahreszeit« droht. Insbesondere für das Personal im Einzelhandel, welches nicht erst seit aber ganz besonders während der Pandemie unter Druck steht, bedeuten die letzten Wochen des Jahres einen enormen Druck-Anstieg. Da ist auch das leidige Thema Ladenöffnungszeiten nicht mehr weit.

Eine derzeit vom Handelsverband in Auftrag gegebene und von TNS-Ilres durchgeführte Online-Umfrage möchte in einer relativ tendenziösen Aufmachung wissen, ob die Teilnehmer nicht doch Lust auf längere Öffnungszeiten im Einzelhandel hätten und ob es nicht schön wäre, wenn das Personal sich an Sonntagen an noch mehr Stunden etwas dazu verdienen könnte. Das riecht gewaltig nach einer neuen Offensive in dieser Debatte seitens des Handelsverbandes. Vielleicht noch vor dem »Fest der Liebe«.

Was uns als Errungenschaft angepriesen wird, das völlig flexibilisierte Einkaufserlebnis, sorgt in vielen Fällen allerdings dafür, daß ganze Familien sich im Vorfeld der Feiertage neu organisieren müssen, weil ein Elternteil quasi nie zu sozial und familiär nutzbaren Zeiten daheim verfügbar ist. Wer nun das vom Handelspatronat gestreute Argument bemüht, Krankenschwestern und Feuerwehrleute müßten ja auch am Wochenende arbeiten, vergleicht Äpfel und Birnen. In keinem Sektor sind so wenig Kollektivverträge in Funktion wie im Einzelhandel, was bedeutet, daß allein die nackten gesetzlichen Vorschriften zur Geltung kommen, welche aus Sicht der Verkäufer ziemlich mager sind. In den meisten Fällen gesellt sich die für Sonntagsarbeit im Handel gesetzlich zugestandene zusätzliche Freizeit zu den ohnehin schon reichlich angehäuften Überstunden, und wenn, kann diese Freizeit ohnehin nicht so eingesetzt werden, wie es der Beschäftigte wünscht, obwohl er mit einem Sonntag seinem Chef das Filetstück der Woche abgetreten hat.

Die Zuschläge für Abende vor Feiertagen oder Sonntagen werden meist schon von den Kosten für die Anfahrt zum Arbeitsplatz und  das Mittagessen aufgebraucht. Daß Wochen ohne Ende zwischen erstem Adventswochenende und Winterschlussverkauf im Januar negative Auswirkungen haben, ist medizinisch bewiesen. Daß die optische und akustische Umweltverschmutzung, sowie der zusätzliche Verkehr durch bis in die Puppen und an Sonn- und Feiertagen geöffnete Einkaufszentren auch den Anwohnern der Konsumtempel kein Herunterschalten ermöglichen, ebenso.

Als wirtschaftsfördernde Maßnahme zu verlangen, die Öffnungszeiten vollständig freizugeben, ist eine Nebelkerze, denn die Umsetzung der Versprechen bei jeder neuen Verhandlungsrunde seitens der Unternehmen im Handel, bei liberalisierten Öffnungszeiten mehr Personal einzustellen, lassen nach wie vor auf sich warten. Stattdessen ist die sozial nutzbare Freizeit des bestehenden Personals weiter gesunken, und der Arbeitsdruck steigt.

Kleine Geschäfte gehen in die Knie bei solchen Liberalisierungen, und übrig bleiben die großen Zentren. Es dient also weder den Kunden noch der Diversität oder der Produktvielfalt im Sektor, deren Mangel übrigens weit häufiger kritisiert wird, als etwa Öffnungszeiten, und schon gar nicht der Schaffung von Arbeitsplätzen, wenn rund um die Uhr »geshoppt« werden darf. Es dient einzig dem Profit einiger weniger Betriebe auf dem Rücken der Allgemeinheit, denn solche Arbeitsbedingungen hinterlassen auf Zeit deutliche körperliche Spuren, deren Kosten von der Allgemeinheit getragen werden müssen.

Öffnungs- und Arbeitszeiten sollen nicht abseits des Gesamtpakets diskutiert werden, in welchem sich auch Themen wie Arbeitsqualität und Lohnentwicklung sowie Kollektivverträge befinden.

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek – Zum Jahresende das übliche Thema