FrankreichAm Freitag beginnt in Frankreich die »größte EM aller Zeiten«, wie die Veranstalter nicht gerade bescheiden erklären. Die reibungslosen Reisemöglichkeiten zu den mit viel Geld für die UEFA-Ansprüche renovierten oder neu gebauten Arenen stehen allerdings aktuell noch auf der Kippe. Der Abbau grundlegender sozialer Errungenschaften zugunsten einer »Agenda 2010« auf Französisch wollen sich die arbeitenden Massen und ihre Gewerkschaften nicht so einfach von der sozialdemokratischen Regierung stehlen lassen.

»Kurz vor der Europameisterschaft…« beginnen dieser Tage viele Agentur-, und Medienberichte zu den Streiks, und der Ton gegenüber den Streikenden dürfte mit zunehmender Nähe des Turnierbeginns nach der Bezeichnung »Terroristen« durch Unternehmerboß Pierre Gattaz eher noch rauer werden, ganz zu Schweigen von der bereits jetzt unverhohlen brutalen Gewalt der Einsatzkräfte gegen die Demonstranten. Die Euro 2016 dürfte der letzte Trumpf im Ärmel der sozialdemokratischen Regierung im Kampf gegen die eigene Bevölkerung werden. Schlammschlachten gegen Gewerkschafter sind zu einem neuen Trend geworden. Diskreditieren durch Wühlen im Privatleben, wie in der Vergangenheit unter anderem bei dem Präsidenten der deutschen Lokführergewerkschaft, Claus Weselsky, geschehen, der im Gegensatz zu den sozialdemokratisch befriedeten Gewerkschaften nicht klein beigeben wollte und mit Hilfe der Massenmedien zum Haßobjekt der Bevölkerung gemacht wurde. Zu offener Solidarität mit den Kollegen in Frankreich oder Belgien will man sich anscheinend unter deutschen Gewerkschaften noch nicht hinreißen lassen, aus Angst vor Rüffeln. In Frankreich gehen die Uhren noch immer anders. Rund drei Viertel der Bevölkerung sympathisieren mit den Forderungen der Streikenden, obwohl sie das Land lähmen.

Auch die Eisenbahner streiken unbefristet und gestern fuhren nach Informationen der SNCF nur rund 60 Prozent aller TGV. Viele Fußballfans werden mit dem Zug anreisen. Sollte der Streik bis in die Europameisterschaft hinein andauern, wird der Plan von Regierung und Wirtschaftsbossen wahrscheinlich sein, die Enttäuschung über nicht gesehene Spiele zu ihren Zwecken gegen den sozialen Widerstand der Streikenden zu lenken. Auch wer den Fußball und solche Turniere liebt, ist in den meisten Fällen vermutlich selbst Lohnabhängiger und sollte darüber nachdenken, ob trotz der Enttäuschung nicht Solidarität angebracht ist.

Aus diesem Grund sollten auch linke Politiker und Aktivisten nicht, wie in schöner Regelmäßigkeit vor und während der letzten Turniere, wieder den Fehler begehen, reaktionäre Parolen gegen Fußballfans nachzuplappern, weil sie selbst in den meisten Fällen mit Fußball nichts zu tun haben und es nicht besser wissen. Es sind mitnichten alle Fußballanhänger hohlköpfige, Bunnyohren in Länderfarben tragende Kleingeister, die nur konsumieren wollen. Das haben nicht nur die Proteste der französischen Ultras gegen den Ausnahmezustand seit dessen Bestehen im Lande gezeigt, sondern auch Tahrir und Taksim bei den Aufständen in der arabischen Welt, wo etwa die Ultras der großen lokalen Klubs die Versorgung der Demonstrierenden sicherstellten.

Zeigen wir Fußballfans den Streikenden in Frankreich, dass Solidarität stärker ist als die Hetze, welche Regierung und Wirtschaft in ihren Medien verbreiten, und dass Fußball, bei aller Liebe zum Spiel, nicht das Wichtigste auf dem Erdball ist.

Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek / RedGlobe