Geschwurbel

Bereits die Einführung der bisherigen Mobilfunkstandards hat hierzulande und in unseren Nachbarländern für einigen Wind im Verschwörungsdschungel gesorgt. Nun, da auch in Luxemburg im gerade begonnenen Jahr 2020 der Ausbau von 5G vor der Tür steht, gibt es Kritik von den Gegnern, welche Gesundheitsschäden und negative Einflüsse auf Natur und Umwelt fürchten. Nicht später als vergangene Woche erhielt eine Petition gegen 5G in Luxemburg weit mehr als die nötigen Unterschriften, um sich in der Chamber Gehör zu verschaffen. Ein Resultat, von dem Petitionen mit weit wichtigeren Anliegen nur träumen können.

Grundsätzlich ist eine gesunde Skepsis gegenüber neuen Technologien bis zu deren Einsatzreife nicht verkehrt, doch tummeln sich auf den einschlägigen Messen, Seminaren und besonders in den sozialen Medien eine ganze Reihe von Scharlatanen, welche die Apokalypse über uns hereinbrechen sehen. Vögel fallen durch 5G beispielsweise in Den Haag in Scharen tot vom Himmel. Oder nur, weil sie allesamt giftige Pflanzenteile gefressen hatten? Was haben Chemtrails und Bill Gates damit zu tun? Die Antwort lautet: Nichts.

Das mehrfach ausgezeichnete Online-Portal »MedWatch« beschäftigt sich mit unseriösen Nachrichten im medizinischen Kontext und befaßte sich vor einiger Zeit in einem Artikel auf seiner Webseite mit dem Thema 5G und der Angst vor der Strahlung, die ja nicht nur Vögel, sondern auch Bienen reihenweise vom Himmel holen soll und sogar den Menschen verstrahlt, wenn man den Gegnern so zuhört. Dabei sind diese in den allermeisten Fällen beileibe keine Experten, sondern Laien, die sich aus dem Sammelsurium von wissenschaftlichen Erhebungen zu diesem oder anderen Themen, beispielsweise Covid-19 oder Impfen, die für sie nützlichen Punkte so herauspicken, daß sie ihre Meinung bestätigt sehen. Anders als rechts-esoterische Kreise sehen echte Fachleute bislang keine nennenswerte Gefahr durch die nichtionisierende Strahlung von Mobilfunk.

Der Hype aber geht, unterstützt von einschlägigen Medien, die mit reißerischen Themen Quote machen wollen und deshalb Geschwurbel und Wissenschaft 1:1 gegenüberstellen, insbesondere zu Corona-Zeiten weiter und hat mittlerweile auch Luxemburg erreicht. Dabei erklärt sogar die WHO, daß es keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen sogenannter »Elektrosensibilität« und elektromagnetischen Feldern gebe, was die selbsternannten Internet-Experten natürlich nicht davon abhält, weiter gegen technischen Fortschritt zu wettern. Auffällig oft handelt es sich dabei um Menschen, für die eine SMS noch immer ein Buch mit sieben Siegeln darstellt und das neue Unbekannte bedrohlich wirkt. Dabei sollten wir vielleicht anfangen, neue Technologien nicht per se negativ zu sehen. Jedenfalls nicht, solange die dazugehörigen Bedrohungsszenarien für Mensch und Umwelt nicht erwiesen sind und Grenzwerte sowie andere Vorschriften eingehalten werden.

Vielmehr sollten wir dafür kämpfen, daß der technische Fortschritt, Stichwort »Digitale Revolution«, allen zugute kommt und nicht wie jede technologische Errungenschaft bisher, die Profite wieder nur in dieselben Taschen abwandern. Es darf eben nicht weiterhin sein, daß Steigerungen der Produktivität abgeschöpft werden und technische Errungenschaften keinen Effekt für die arbeitenden Massen haben, als alle 2 bis 3 Jahre ein neues Smartphone kaufen zu können, während sich etwa an Wochen- und Lebensarbeitszeiten nichts ändert, weil der geschaffene Mehrwert nicht bei ihnen ankommt. Das sind die Themen, die sich bei neuen Technologien wirklich aufdrängen.

Christoph Kühnemund

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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