Die chilenischen Wähler*innen und Gabriel Boric haben Geschichte geschrieben. Niemals hat ein chilenischer Präsidentschaftskandidat mehr Stimmen erhalten als Boric mit 4,6 Millionen. Der 35-jährige linke Reformer Boric wird der jüngste Präsident der Landesgeschichte, wenn er im März 2022 die Nachfolge des rechten Sebastián Piñera antritt. Und Boric hat es als erster Präsidentschaftskandidat geschafft, in der Stichwahl den Sieger der ersten Runde noch zu überholen: den ultrarechten José Antonio Kast – einen bekennenden Anhänger der Pinochet-Diktatur, die nach dem Putsch gegen Salvador Allende von 1973 bis 1990 das Land mit Terror und Neoliberalismus überzog und Chile zu einem der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit unterentwickelte: Das oberste Prozent der Bevölkerung verfügt über ein Viertel des Reichtums.

Die Chilen*innen haben am Sonntag die Geschichte wieder geradegerückt. Das Signal war eindeutig: Eine deutliche Mehrheit will die chilenische Verfassung von 1980 überwinden, in der die Privatisierung von Bildung und Gesundheit festgeschrieben ist.

Der Sieg von Boric ist ein neuerlicher Etappensieg auf dem Weg, Chile neu zu begründen. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die am 18. Oktober 2019 auf der Straße ihren Anfang nahm, bei der eine Fahrpreiserhöhung bei der U-Bahn in Santiago zum Ausgangspunkt einer sozialen Revolte wurde. Diese Revolte hat auch Unsicherheit in Teilen der Bevölkerung erzeugt, was den Aufschwung des starken Mannes Kast erklärt. In der Stichwahl aber hat die Hoffnung über die Angst gesiegt. Dem links dominierten Verfassungskonvent, der seit Juli an einer progressiven Magna Charta arbeitet, gibt der Sieg von Boric starken Rückenwind. Denn der Gegenwind durch Kast war und ist nicht zu unterschätzen.

Quelle: nd.DerTag / nd.DieWoche (ehemals Neues Deutschland) – „nd.DerTag“: Die Hoffnung siegt über die Angst – Kommentar zum Sieg von Gabriel Boric bei der Präsidentschaftswahl in Chile